BERLIN (Festwochen-Premieren):

Schillertheater: „Amphitryon“ von Kleist

Vor 150 Jahren ist Heinrich von Kleist gestorben. Also begehen die deutschen Bühnen ein „Kleist-Jahr“. „Ich weiß, was ich sage“, schreibt Friedrich Luft in der Welt, „wenn ich sage, daß Kleists ‚Amphitryon‘, solange ich im Parkett lebe, nie schöner, nie reiner, nie klüger, nie heiterer gespielt wurde als an diesem denkwürdigen, letzten Abend der elften Festwochen von Berlin.“ Regie führte Walter Herrn auf einer Schräge von H. W. Lenneweit. „Hellenische Helle und romantisches Dämmern, beides liegt auf dem gelungenen Szenarium.“ Die Schauspieler: Erich Schellow (Jupiter), Lothar Blumhagen (Amphitryon), Eva-Katharina Schultz (Alkmene). „Die Entdeckung dieses Abends... ist Horst Bollmann“ als Sosias. Darstellerzuwachs aus dem Darmstädter Sellner-Ensemble: Gerhard Winter (Merkur), Charlotte Joeres (Charis).

Werkstatt des Schillertheaters: „Der amerikanische Traum“ von Edgar Albee

Der junge amerikanische Autor ist vor zwei Jahren mit der Uraufführung seiner „Zoogeschichte“ an derselben Stelle buchstäblich entdeckt worden, wo Boleslaw Barlog jetzt Albees drittes Bühnen-Werk inszenierte, eine europäische Erstaufführung. „Das kleine Stück inneramerikanischer Selbstkritik verhohnepiepelt eine defekte Gesellschaft... stichelt gegen die tyrannische Weiberherrschaft, geht mit der Ausgelaugtheit der Männer zu Gericht ..., reißt den Schleier vom amerikanischen Traum ... So komisch, so böse, wie das Stück im Grunde ist, kann es auf deutsch gar nicht werden“, meint Friedrich Luft. In ästhetischer Hinsicht bemerkt Walter Karsch (Tagesspiegel) Parallelen zur „Kahlen Sängerin“ von Ionesco – „nur: Ionesco kann das besser.“ Gleichwohl gab es auf der Studiobühne „komödiantisches Feuerwerk“. „Das Publikum, vom Lachen völlig erschöpft“, feierte Lu Säuberlich, Herbert Grünebaum, Edith Teichmann, Helmuth Wildt und brachte „orkanartige Ovationen“ Elsa Wagner dar, der amerikanischen „Oma“. „Ein großartiger Festwochenbeitrag“, urteilt Karsch, „nur: Das Stück ist nicht ein Hundertstel so gut wie Barlogs Inszenierung.“

Deutsche Oper: „Orpheus und Eurydike“ von Gluck

Nach der Uraufführung von Klebes „Alkmene“ hatte sich Gustav Rudolf Sellner zu seinen Intendantenmühen noch eine zweite Inszenierung selber aufgeladen, die nolens volens programmatisch gewertet wurde. Mary Wigman‚ zum Ehrenmitglied der Sellner-Oper ernannt, übertrug als Choreographin ihren eigenen Stil des Ausdruckstanzes auf Glucks Musik, die von dem Dirigenten Ernest Bour aus Straßburg, der einen größeren Gastvertrag mit Berlin abgeschlossen hat, klassizistisch „unterkühlt“ dirigiert wurde. Die Problematik des umstrittenen Gesamteindrucks formulierte deutlich Werner Oehlmann im Tagesspiegel: „Zweifellos eine eigenwillige, in sich geschlossene, ästhetisch vollkommene Konzeption, aber keine, die die Erinnerung an große frühere Aufführungen ... auslöschen konnte. Dieser Aufführung mangelte es sowohl an klanglichem wie an dramatischem Format, das Haus auszufüllen.“