Seit einem Monat läuft das zerbrechlich konstruierte Räderwerk im UN-Gebäude am East River gleichsam ohne die Aufsicht eines leitenden Ingenieurs; seit dem 18. September, da Dag Hammarskjölds Flugzeug in Afrika zerschellte, arbeiten die 4400 Angestellten der Weltorganisation ohne Chef. Sorge und Unsicherheit, die sich nach dem Tode des Generalsekretärs wie eine giftige Wolke über die Vereinten Nationen legten, sind bisher noch nicht wieder gewichen.

Zwar schien sich ein Kompromiß anzubahnen, als bekannt wurde, daß Moskau zunächst nicht länger auf seiner Forderung nach einem Dreier-Direktorat bestehe und – wie die Vereinigten Staaten – bereit sei, den burmesischen Diplomaten U Thant als neuen Generalsekretär zu akzeptieren. Welcher Art aber diese sowjetischen „Konzessionen“ sind, wurde auch den letzten Optimisten deutlich, als der Delegierte des Kremls, Valerian Sorin, auf einer Pressekonferenz in eiskalter, aggressiver Sprache die östlichen Bedingungen durchdeklinierte.

Danach verzichtet zwar die Sowjetunion im Augenblick darauf, die Troika-Konstruktion mit drei Generalsekretären durchzusetzen, läßt auf der anderen Seite aber keinen Zweifel darüber, daß der neue UN-Chef nur interimistisch amtieren dürfe – nämlich bis zum Ablauf der Amtszeit Hammarskjölds im April 1963. Doch nicht genug damit: Sorin verlangte, daß der neue Generalsekretär vor seiner Wahl im Sicherheitsrat eine Erklärung über seine Absichten abgeben und diese Erklärung nach seiner Wahl in der Generalversammlung wiederholen müsse. In einer solchen Erklärung – zu der sich die Vorgänger Trygve Lie und Hammarskjöld niemals bereit gefunden hätten – soll sich U Thant verpflichten, unter den gegenwärtigen Untergeneralsekretären stellvertretende Generalsekretäre aus bestimmten Ländern zu ernennen und diese dann regelmäßig und in allen Fragen zu konsultieren.

Wohin diese Regelung in der Praxis führen wird, darüber geben Nationalität und Zahl der von Sorin vorgeschlagenen Stellvertreter Aufschluß. Ursprünglich sollten es drei sein: ein westlicher, ein östlicher und ein neutraler. Wenn aber laut Kompromißvorschlag der USA noch ein Lateinamerikaner und ein Westeuropäer hinzukämen, dann müßte – so der Sowjetdelegierte – natürlich auch ein Osteuropäer dabeisein und aus Gerechtigkeitsgründen ein weiterer Asiate. Sieben eigenwillige Stellvertreter und ein schwacher Chef – es fällt wirklich schwer, eine Methode zu ersinnen, mit der man die Vereinten Nationen rascher paralysieren könnte.

Dieser Forderung Sorins – und der Erklärung Chruschtschows vor dem sowjetischen Parteitag, man müsse endlich der Tatsache Rechnung tragen, daß es drei Staatengruppen gebe, die sozialistischen, die neutralen und die kapitalistischen – setzte der US-Delegierte Stevenson das Argument entgegen, die Satzung der Vereinten Nationen sehe eine ganz und gar internationale Leitung vor. Die USA jedenfalls, so fügte er hinzu, würden sich der absurden Vorstellung einer ideologischen Teilung der Welt mit aller Kraft widersetzen.

Dennoch deutet eigentlich alles darauf hin, daß sich die Sowjets mit ihrer Forderung, die sehr geschickt als Konzession maskiert ist, durchsetzen werden, auch wenn, jedenfalls für die nächsten zwei Jahre, ein Mann an der Spitze der UN steht. So bleibt denn als einzige Hoffnung U Thant, dem große Redlichkeit, aber nicht Härte nachgesagt wird, möge mit seinem Amte wachsen – dem Amte, das trotz allem einen entschlossenen Mann immer noch die Möglichkeit zu sinnvollem Handeln gibt.

H. G.