Die Baisse in London hält an. Die Stahlindustrie – ebenso wie die Automobilindustrie von Streiks heimgesucht – arbeitet bei einer Kapazität von nur 77 vH (September-Zahlen). Das Gefühl einer Depression liegt über der Börse.

Die Federation of British Industries haben z. B. eine Untersuchung der Industrie- und Exporttendenz angestellt. Das Ergebnis zeigt den Klimawechsel: Auftragsbestände gehen zurück, der Optimismus der Geschäftswelt ist verschwunden, und zum ersten Male seit zwei Jahren erwartet die Mehrzahl der Unternehmer einen Rückgang in den Investitionsaufwendungen. Die einzig freudige Feststellung ist die Ausgeglichenheit zwischen Optimismus und Pessimismus unter den Produzenten, soweit der Export betroffen ist. Aber auch hier weiß das Anlagepublikum, daß die Gewinnspannen durch scharfe Konkurrenz gedrosselt sind.

Die Reduzierung des Diskontsatzes von 7 vH auf 6 1/2 vH bedeutet nicht, daß die Wirtschaft sich auf dem Wege der Besserung befindet, denn die augenblickliche Wirtschaftskrise ist die schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dennoch ist der Satz von 6 1/2 vH noch zu hoch, um „hot money“ abzuschrecken, und man erwartet in der City, daß eine Reduzierung des Diskontsatzes auf 6 vH demnächst Folgen wird. Das Dilemma ist, daß die Regierung Schritte unternehmen muß, um die Wirtschaft endlich zu beleben. Die teueren Gelder bzw. der Stop von Banckrediten an die Wirtschaft (das Kreditformen der Banken ist in den letzten Monaten um 240 Mill. £ gesunken) sind wirklich nicht dazu angetan, das Krisenproblem zu lösen.

Bei Bekanntwerden der enttäuschenden Handelsbilanzzahlen für September wurden die Kurse an der Börse noch einmal gedrückt. Die Gesprächsthemen der Makler ergehen sich in Wünschen einer Wirtschaftsbelebung und der Lockerung der Restriktionen; von letzterer will der Schatzkanzler vorerst noch nichts wissen. Entweder es wird mehr exportiert oder die Wirtschaft stagniert. Die jetzt erscheinenden Geschäftsberichte zeigen noch nicht deutlich die Auswirkungen der augenblicklichen Krise, obwohl niedrigere Gewinne bereits sichtbar werden. Banken, Versicherungen, Brauereien, Nahrungsmittel und Zeitungen werden im Gegensatz zu der Werkzeugmaschinen-, dauerhafte Verbrauchsgüter-, Baumaterial-, Stahl- und Chemie-Industrie von der Krise am wenigsten betroffen.

Die Unsicherheit an der Börse wird auch für die nächsten Monate noch anhalten, trotz einer erwarteten weiteren Diskontsetzung. Aber Anleger auf lange Sicht seien jetzt schon aufmerksam gemacht, daß die Regierung bis zum Wahljahr 1963 mit guten Ergebnissen aufwarten muß, um einen vierten Wahlsieg zu erringen. Die Aufwärtsbewegung an der Börse dürfte unter Umständen, schon in 1962 beginnen

D. S.