Die „Bayerische Akademie der Schönen Künste veranstaltet in dieser Saison eine Reihe von Vorlesungen, in denen Komponisten des „Musica viva“-Programms über ihre Musikauffassung, ihre künstlerische Zielsetzung und ihre Werke berichten werden. Es handelt sich also um ein ähnlich informatives Unternehmen, wie es die Poetikvorlesungen der vergangenen Saison waren – nur daß in diesem Falle der objektive Orientierungswert, gemessen an den Poetikvorträgen mit ihrem weiteren ideologischen Rahmen, geringer erscheint; schließlich handelt es sich um eine Konzertserie ausgesprochen militanter Art: zwei der vorgesehenen pro-domo-Redner haben sich erst kürzlich mit ihren Namen schützend vor die randalierende Intoleranz jugendlicher Kursteilnehmer gestellt, die in Darmstadt eine Festaufführung von Ernst Kreneks „Leben des Orest“ in permanentem Gelächter untergehen ließen, weil das Werk – aus den zwanziger Jahren! – veraltet und überholt sei...

Der Anfang jedenfalls war denkbar erfreulich. Der erste Vortrag nämlich galt dem Komponisten, dessen postume Dostojewskij-Oper „Aus einem Totenhaus“ in konzertanter Wiedergabe die „Musicaviva“-Reihe Mitte November eröffnen wird: Leos Janacek. Den genialen Mähren, den seit 1928 die Erde deckt, zu feiern, war Max Brod aus Tel Aviv von Professor Preetorius, dem Akademiepräsidenten, an das Vortragspult des Münchner Prinz-Carl-Palais gebeten worden. Er ist es gewesen, der nicht allein durch seine Übersetzungen Janaceks deutsche Erfolge („Jenufa“) ermöglicht, sondern der überhaupt den internationalen Ruhm des bis in das höchste Alter durchaus verkannten und vernachlässigten Meisters erst „gemacht“, der ihn eigentlich entdeckt und ermutigt hat und bis heute sein eifrigster Apostel geblieben ist. Einem solchen Manne zu begegnen, der selbst „jemand“ ist und dennoch mit dem ganzen Nachdruck seines Wahrheitsmutes für die Sache eines anderen zu werben nicht müde wird, das ist schon etwas Ungewöhnliches in unserer Zeit. Und ungewöhnlich war auch die noble Phrasenlosigkeit, mit welcher der ausgezeichnete Schriftsteller sein Verhältnis zu dem großen Musiker, seine Verdienste um ihn und das Wesen seiner Kunst einer interessierten Hörerschaft darzustellen wußte. Ein verheißungsvoller Auftakt, dessen Höhe einzuhalten den folgenden Rednern nicht leicht werden dürfte. Die Namen Boulez, Messiaen und Henze versprechen dem aufnahmewilligen Publikum immerhin einige Aufschlüsse über Wege und Stationen im Irrgarten der tausend Möglichkeiten gegenwärtiger Bemühungen um die Musik der Zukunft. a-th