Man kann nur lebhaft bedauern, daß der Verleger, der selbst gelernter Historiker ist, sich über die zuvor an ihn herangetragenen Bedenken wie über seine eigene Zusage, die er einem Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte noch am 7. September 1961 gab, hinwegsetzte, als er das Buch „20. Juli – Spiegelbild einer Verschwörung“ so überstürzt veröffentlichte.

Daß die Herausgabe der sogenannten „Kaltenbrunner Berichte“ editionstechnisch den zu stellenden Ansprüchen nicht genügt, sei hier nur am Rande vermerkt. Es wäre vieles zu beanstanden, ohne daß deshalb gesagt werden soll, das veröffentlichte Material sei nicht in Teilen von erheblichem Wert. Wichtig sind, wie sich versteht, die „objektiven“ d. h. nicht manipulierten Quellen, also das in Anlagen gegebene beschlagnahmte „echte“ Material, etwa die Befehle, Meldungen und Fernschreiben aus der Bendlerstraße sowie insbesondere die Personallisten, die Entwürfe zu Aufrufen, Proklamationen, Regierungserklärungen und Rundfunkansprachen. Denn hier handelt es sich nicht um Gestapo-Interpretationen, sondern hier wird von den wirklichen Motiven des Widerstands und der Verschwörung Zeugnis abgelegt, und es wird auch der weit in die Vorkriegszeit zurückreichende Hintergrund des 20. Juli etwas erhellt.

Aber der einfachste literarische Anstand hätte wohl Veranlassung geben sollen, sich darum zu kümmern, wieviel von dem letztgenannten Material schon gedruckt ist, bei Pechel, bei Ritter und – populär zugänglich – in der Dokumentensammlung Hofers. Das „Archiv Peter“, das als Herausgeber zeichnet, weiß von alldem offenbar nichts. Sonst hätte es nicht die falschen Zuschreibungen der Gestapo (für die Broschüre „Das Ziel“ etwa als Verfasser Kaiser statt Goerdeler) kommentarlos übernommen. Auch sonst ist nicht der leiseste Versuch gemacht worden, Unwahrheiten und Verfälschungen zu berichtigen.

Nur ein Beispiel: In Anlage 1 zum Bericht vom 12. Oktober heißt es (S. 445): „Eine besonders umfangreiche Gerüchtebildung auch innerhalb der Wehrmacht hat sich der angeblichen Vergeltungsmaßnahmen gegenüber Angehörigen der Verschwörer bemächtigt. Es wird davon gesprochen, daß die Sippen der Verräter restlos ausgerottet würden. Selbst vor kleinen Kindern werde nicht haltgemacht.“ Hier hätte der einfachste Anstand – in diesem Fall moralischer Art – wohl geboten, in einer Anmerkung festzustellen, daß mindestens die Sippenhaft kein „Gerücht“, sondern brutale Tatsache war und auch vor „kleinen Kindern“ nicht haltgemacht wurde. Sämtliche Mitglieder der Familie Stauffenberg einschließlich Frau, Mutter und entfernten Vettern kamen ins KZ. Und die Kinder der Hingerichteten, selbst zwei- und dreijährige wurden den Müttern weggenommen und unter falschem Namen in Bad Sachsa in Thüringen verborgen gehalten.

In dem knapp dreiseitigen Vorwort, dem einzigen Beitrag von K. H. Peter zur Publikation, wird zwar der „psychologische Druck“ und die etwaige Anwendung „verschärfte Vernehmungen“ als mögliche Fehlerquelle erwähnt, aber es? heißt dann weiter: „der historische Erkenntnis- und Beweiswert dieser Berichte wird in ihrer Gesamtheit davon nicht wesentlich beeinträchtigt werden“. Man fragt sich, ob dies echte oder gespielte Naivität ist. Übrigens hat es sich ja nicht nur um psychologischen Druck gehandelt, wie wirksam auch er schon gewesen sein mag, sondern im belegbaren Einzelfall um physische Gewalt. Offenbar weiß der Herausgeber nichts von Folterungen oder will nichts von ihnen wissen.

Über ihre verschiedenen Stadien hat Schlabrendorff genau berichtet. Er selbst ist vom Volksgerichtshof, allerdings erst nachdem Freisler bei einem Luftangriff ums Leben gekommen war, freigesprochen worden, da „Aussage-Erpressung“ vorliege. Übrigens gibt gerade hier der Gestapobericht selbst dem kritischen Leser einen Hinweis. Es heißt da (S. 395): „Irgendeine Kenntnis der Absichten Tresckows hat Schlabrendorff zunächst gegen jeden Vorhalt hartnäckig geleugnet. Erst nach mehrtägiger Pause in den Vernehmungen gab Schlabrendorff offen Einblick in das Verhalten Tresckows...“ Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie diese „Pause“ ausgefüllt wurde. So folgt denn auch die Zusammenfassung einer Aussage, die mit den Worten beginnt: „Ich habe mich entschlossen, nunmehr über die Dinge, die ich im Zusammenhang mit Tresckow gesehen und erlebt habe, ungeschminkt zu sprechen.“ Diese Ungeschminktheit führt zu einem höchst abträglichen Porträt Tresckows, der ja nicht mehr am Leben war, also ruhig belastet werden konnte, wohingegen es Schlabrendorff gelang, über alle anderen Namen aus seinem Kreise Schweigen zu bewahren. Gewiß wird niemand mit einigem kritischen Sinn dieses „Porträt“ für bare Münze nehmen – aber kann man solch kritischen Sinn als selbstverständlich voraussetzen?

An ihn, den kritischen Sinn, aber muß man immer wieder appellieren. Es finden sich nämlich nur einige Wiedergaben von Aussagen mit mehr oder weniger deutlichem Anspruch auf Wörtlichkeit. So etwa für eine Randfigur wie den Kaplan Wehrle. Im übrigen aber hat die Gestapo das Wort. Die Gestapo berichtet über Vernehmungen und faßt ihre Beobachtungen und Analysen zusammen. Diese gehen dann an den Reichsleiter Bormann und werden von ihm an Hitler weitergeleitet. So besteht also die Möglichkeit doppelter Verfälschung. Während die Aussagen unter mehr oder weniger nachdrücklicher Erpressung erfolgten, wobei die Vernommenen selbstverständlich mit allen Mitteln versuchten, ihren Kopf zu retten, gab die Gestapo weiter und deutete aus, was in ihr Bild paßte oder dem des Führers entsprechen mochte. So ist denn eines der Leitmotive dieser Untersuchungen das gleiche, das Hitler selbst sofort am Abend des 20. Juli ausgab: eine kleine Clique ehrgeiziger und ehrvergessener Offiziere. Kein Wunder, daß er, wie wir hören, die Berichte „verschlang“.