Nun gibt es freilich eine andere Version über das, was Kaltenbrunner bezweckte. Sie geht zurück auf Notizen, die der SS-Obersturmbannführer Dr. Kiesel nach dem Krieg in einem jugoslawischen Internierungslager niederschrieb. Er bestätigte, daß Hitler selbst die „verschärften Vernehmungen“ anbefahl und daß in der Sonderkommission im Sadismus geschulte „Schläger“ waren. Im übrigen behauptet Kiesel an anderer Stelle, Kaltenbrunner habe als „Richtlinie“ angegeben, „daß Hitler ein schonungsloses Bild von den Gründen gegeben werden solle, die zum Attentat geführt hatten... Es seien so viel Männer von hervorragenden beruflichen und charakterlichen Qualitäten in die Verschwörung verwickelt, daß Hitler durch diese Erkenntnis hoffentlich den Schock erlebe, der notwendig sei, ihn zu den zwingenden Änderungen zu veranlassen ...“

Diese Version wird von K. H. Peter in seinem Vorwort zur Abschirmung benutzt. Er zitiert dabei nicht aus Kiesel, sondern aus der Goerdeler-Biographie Gerhard Ritters. Ritter hat die Kaltenbrunner-Berichte als erster kennengelernt und sie – wie sich versteht – mit kritischer Besonnenheit benutzt. Er hat, wenngleich mit starkem Vorbehalt, die Kiesel-Version aufgenommen. Sie hat in der Tat erklärenden Wert für Goerdelers letzte Tage, in denen der zum Tod Verurteilte belehrende Denkschriften verfaßte und der Gestapochef ein Doppelspiel trieb.

Von solcher „belehrenden“ Absicht Hitler gegenüber oder gar von dem Wunsch, ihm einen „Schock“ zu versetzen, ist indessen in den vorliegenden Berichten kaum etwas zu spüren. Es sei denn, man verweise auf manche der Begründungen, die die Gestapo für den Widerstand gibt, wie etwa die Empörung über den Abfall der Partei von ihren erklärten Idealen, über die verbrecherische und dilettantische Außenpolitik Ribbentrops, über das Luxusleben von Göring, Goebbels, Ley, überhaupt über die „Korruption“ und dann auch über die Unrechtstaten im Kirchenkampf, in der Judenfrage, in den besetzten Gebieten. Hier kommt nicht nur ein Teil wirklicher Motive zur Sprache, sondern es mag sich dabei auch um Gestapopolitik handeln, die solche persönlichen Vorwürfe zu indirektem Beschuß gegen Kreisleiter und Rivalen auf höherer Stufe nutzt. Aber das soll Hitler einen „Schock“ versetzt haben?

Die Spitze jener Anschuldigungen gegen die „Bonzokratie“ wird überdies alsbald abgebogen. Keine Rede von „hervorragenden beruflichen und charakterlichen Qualitäten“ der Verschwörer, vielmehr wird Material zusammengetragen über ihren „Lebenswandel“, ihre intimen Verhältnisse, den Verbrauch von Zigaretten, Alkohol und Benzin. Die hervorstechende Linie der Berichterstattung ist die der Diffamierung („gangsterhaft“, „Jargon der Ringvereine aus der Systemzeit“). Als Motive werden zusammengetragen: persönliche Verärgerung, arrogante Besserwisserei, nagender Ehrgeiz, defaitistische Grundhaltung und dekadente Geistigkeit, aus deutscher Neigung zum Objektivitätsfimmel und zur Selbstzerfleischung, aus gesellschaftlichem Hochmut und einer um sich selbst kreisenden „Wehrmachtsideologie“ oder dem Machtstreben eines überalterten „Gewerkschaftsklüngels“, der nur wieder ins Spiel kommen will.

Es ist nicht die Absicht dieser Zeilen, dem allen ein Bild der Wirklichkeit, geschweige denn einer idealisierten Wirklichkeit entgegenzusetzen. Wir wissen um viel Menschliches auch im Kreise des Widerstands, wir wissen um Versagen und Zögern, auch um Spannungen und Gegensätze, auf die in den Berichten viel Aufmerksamkeit gerichtet ist, wenn auch aus einer übertriebenen „Kerenski“-Perspektive.

Es ist in diesem Zusammenhang noch einmal zu sagen, daß aus dem gebotenen Material für den kritischen Leser durchaus Erkenntnis gewonnen werden kann, auch wenn die Dokumente wahrlich nicht „den Wert eines Kronzeugnisses beanspruchen dürfen, insofern sie über Gesinnung und Motive der Verschworenen letzte (!) Klarheit verschaffen“. (Klappentext) Immerhin: Der kriminalistische Scharfsinn, der – vom Standpunkt des Regimes – im großen so kläglich versagt hatte (vgl. Die Rechtfertigungsversuche S. 104, 113, 521), hat sich im Detail nicht ohne Erfolg betätigt.

Aufs Grundsätzliche gesehen, müssen zwei Warnungstafeln aufgerichtet werden. Die eine bezieht sich auf die im Ausland lange Zeit vertretene These, daß sich Widerstand in Deutschland erst geregt habe, als der Krieg offenbar verloren war. Sie könnte aus der ständigen Betonung des Defaitismus als eines Grundmotivs der Verschwörung neue Nahrung ziehen. In der Tat fällt in den Gestapoberichten – abgesehen von der Fritsch-Krise und der „Verärgerung“, die sie beim Militär auslöste, kaum ein Lichtstrahl auf die Opposition vor dem Krieg, geschweige denn auf die Versuche, dessen Ausbruch zu verhindern.