Wie grimmig jene Zeiten waren, zeigt aber auch, daß nicht weniger als vier Anträge zur Demontage vorlagen, darunter ein Begehren der in Sachen „Besatzungsrecht“ besonders rührigen KP-Genossen unter Anführung Renners, nationalgesinnte Demontageverweigerer zu amnestieren.

Mit dem Jahr 1953 brach das große Zeitalter Europas für die Bundesrepublik an. Adenauer war nach einer unerhörten Triumph-Fahrt durch die USA zurückgekommen (auf dem Heldenfriedhof von Arlington hatte man das Deutschlandlied gespielt und ein richtiger amerikanischer General hatte die Fahne vorangetragen). Der Wahlsieg war dem Kanzler, der bald darauf von „Time Magazine“ zum „Mann des Jahres“ gewählt wurde, fast mühelos in den Schoß gefallen. Die Bundesrepublik wurde ruhiger im Herzen, fester im Knochenbau und fülliger um die Rippen.

Das Thema „Bier“ kommt nicht mehr vor. Dafür aber kündeten ellenlange Anträge zu „Zolltarifänderungen aus Anlaß der Errichtung des Gemeinsamen Marktes der Europäischen Gemeinschaft“ von einem Fortschritt, der nahezu atemberaubend anmuten muß – acht Jahre nach dem Katastrophenjahr 1945. Drucksache Nr. 5 bekümmerte sich um die Schaffung von Familienheimen. Drucksache Nr. 6 um ein Heimkehrerentschädigungsgesetz, und der DP fiel in Drucksache Nr. 7 ein, daß wir noch unbereinigte Probleme im Osten hätten. Sie verlangte „auf friedlichen Wegen“ die Lösungen der Oder-Neiße-Fragen zu erarbeiten und „die deutsche Ostpolitik zu aktivieren“. Man weiß, was inzwischen daraus geworden ist.

Die dritte Wahlperiode des Bundestages begann 1957 im Zeichen einer beispiellosen Machtentfaltung der Regierungspartei CDU/CSU. Adenauer hatte nicht nur – wie 1953 – eine überzeugende Mehrheit. Er hat die absolute Mehrheit. Außenpolitisch ist die Bundesrepublik etabliert. Man beschäftigt sich jetzt mit der Wahl der deutschen Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, man hat Verteidigungsprobleme – keine Schamrufe mehr! – und europäische Gemeinwirtschaft und ähnliches im Auge, aber man bekümmert sich doch in erster Linie um innerdeutsche Fragen – als da sind: Kartellrecht, Änderung der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung, Vereinheitlichung der Rechtspflege, „Verhalten des Bundespresse- und Informationsamtes“. „Ollenhauer und Fraktion“ wollen wissen, was es eigentlich mit dem 0403 Haushaltstitel 300 – ordinär „Reptilienfonds“ genannt – auf sich habe. Aber, aber, wer wird denn so fragen!

Doch man sieht: die kleinen Sorgen überwiegen. Man hat mit sich selber genug zu tun. Die Bundesrepublik hat sich an ihren Zustand gewöhnt. Es wird emsig verwaltet. Von Provisorium keine Rede mehr – und die Stürme der Weltpolitik sind trotz Dulles’ „Gratwanderungen“ und dem „Völkerfrühling“ in Genf schonend an uns vorübergegangen ...

1961: welch’ Szenenwechsel! Die Welt, in der wir geruhsam zu leben vermeinten, ist in Bewegung geraten. Ein neuer Präsident sitzt im Weißen Haus. Und nicht alles, was jetzt von dort kommt, ist den Bonnern geheuer. Die CDU/CSU hat zwar gesiegt, aber die Wähler wollten den verdienten Altkanzler nicht mehr so recht dabeihaben. Mit eiserner Hand und listenreichen Taktiker schafft er sich die neue Grundlage für seine Regierung, die er zwar nicht bis zur Neige auszukosten gedenkt, nicht bis 1965, aber doch so lange, wie er es für richtig hält. Da sitzt er im Plenum und beschaut sich gelassen die Schar jener, die vor ihm kuschten, sich ihm zähneknirschend beugten – oder aber froh sind, ihn wieder dabeizuhaben. Kaum eine Bewegung zeigt sich in seinem Gesicht. Ein Granitfels im Sturm der Politik oder ein Monument der Vergangenheit?