Die Polizei macht Jagd: „Hände hoch!“ – Und keiner kann die Kette sprengen

Von Rudolf Fischer

Den überraschten Restaurateuren blieb keine Zeit, ihre Terrassen zu räumen und das Mobiliar in Sicherheit zu bringen. Wie eine Sturmflut – und doch unheimlich gebändigt – wälzte sich die gegen 2000 Köpfe zählende Masse von Arabern gegen das Zentrum von Paris und war plötzlich da, diszipliniert, aber unaufhaltsam. In die Schreie der Männer, Frauen und Kinder mischte sich das Geheul der Polizei-Sirenen.

Die Sicherheitskräfte versuchten, der Lage Herr zu werden. Es kam zu Zusammenstößen. Der Fahrer eines Polizeiwagens verlor die Nerven und schoß in die Masse. Andere Polizisten eröffneten das Feuer jetzt ebenfalls. Die Demonstranten flüchteten sich in Hausflure und Metro-Zugänge. Zurück blieben auf dem regennassen Pflaster Tote und Verletzte. Nach Stunden noch sah man Blutlachen, Kleidungsstücke, Kinderwagen, Scherben und Trümmer. Der heiße Wüstenwind des algerischen Wahnsinns war über Paris hinweggefegt.

Unglaubliche Bilder gruben sich ins Gedächtnis der Pariser. Der Triumphbogen – sonst nur an feierliche Zeremonien gewohnt – wurde Zeuge häßlicher Szenen: Die breiten Trottoirs der eleganten Boulevards füllten sich mit Muselmanen, die ihres Abtransportes harrten: sie hatten die Hände hinter dem Nacken verschränkt. Andere waren – auch sie mit hoch erhobenen Händen – gegen die Gitter vor dem smarten Hotel Grillon an der Place de la Concorde aufgereiht und starrten in die drohenden Mündungen automatischer Waffen. Die Irren der Heilanstalt St. Anne wunderten sich möglicherweise, als die Polizei kurzerhand algerische Demonstrantinnen bei ihnen unterbrachte, die allerdings von den verärgerten Ärzten durch eine Hintertür wieder freigelassen wurden, worauf die Polizei erneut auf sie Jagd machte... Den Parisern aber fuhr der Schreck in die Glieder. War dies noch Paris? Oder war es Algier oder Oran? Jedenfalls ein Schauplatz algerischen Krieges...

Gesetz des Wilden Westens

8500 Algerier wurden festgenommen und im Sportpalast interniert. Dort war ihres Bleibens aber nicht lange, denn Plakate verkündeten bereits das Gastspiel des Negersängers Ray Charles, des „Schwarzen Genies“, dessen Lebensgeschichte – er ist blind, arm und als Vollwaise im Süden der USA aufgewachsen – die Pariser zu Tränen rührt. Die gefangenen Demonstranten mußten in die gegenüberliegende Halle des Ausstellungsparks umziehen. Und während Ray Charles den Gästen des frisch desinfizierten Hauses in zornigen Gesängen versicherte, er werde den Blues nicht mehr los, seit dem sein „Baby“ ihn habe sitzenlassen, entrang sich drüben heiser geschrieenen Kehlen der tausendfache Ruf: „Algérie algérienne“.