Du sprichst ja so ggge-brochen Englisch...“ Der eine Freund tippt dem anderen auf die Brust und beide lachen sich halbtot. Beide können sich kaum auf den Beinen halten. Aber das fällt hier nicht auf, denn wer geradeaus schreitet, ist entweder Einheimischer oder Sonderling. Zwischen schwankenden Männergestalten baumeln, die Hälse der Volltrunkenen umklammernd, weinselige Frauen, die den Boden völlig unter den Füßen verloren haben. Rottenweise torkeln Männlein und Weiblein – und besonders die letzteren bieten einen unvergeßlichen Anblick – auf die Autobusse zu, die sie heimschaukeln werden nach Köln, Wuppertal, Dortmund, Wanne-Eikel, vielleicht auch nach Rotterdam. Der Kater am nächsten Tage wird fürchterlich sein, denn sie haben den schlechten, gepanschten Wein in sich hineingegurgelt, als sei es Wasser...

Während die ersten Betrunkenen abgefahren werden, grölen, lallen und kichern andere, die noch nicht ganz soweit sind, durch die Gäßlein des einst verträumten Rheinstädtchens. Die Ramschläden sind geöffnet, obwohl Sonntag ist: Papierlüte, die jedem Kopf ein idiotisches Aussehen geben, finden reißenden Absatz, aber auch „Scherzpostkarten“, Rehlein und Zwerge, mit Gold überpinselt, kleine Pokale als „Souvenirs“ an deutschen Rhein und deutschen Wein – den Leuten ist egal, wofür sie Geld ausgeben. Weit und breit kein Weinberg: Eine Rebenpest hat hier schon 1950 die letzten Rebstöcke dahingerafft. Aber auf dem Marktplatz wird der angebliche lokalwein kübelweise ausgeschenkt.

Hier, auf dem Marktplatz, müht man sich wenigstens, den Anschein eines altrheinischen „Volksfestes“ zu wahren. Eine Kapelle schmettert Polkas (dieweil in den Nebengassen aus Kellerlöchern Rock’n’Roll emporwimmert), dicke Damen drehen sich im Tänzchen, „Toiletten im Rathaus“ verfeindet ein Schild, und ein Ochse wird am Spieß gebraten. Das Schauspiel fasziniert den Städter, der solch Brauchtum nur aus Geschichtsbüchern kennt. Wie lange dauert es wohl, bis das magere Öchslein, das sich mit artig angezwirbeltem Schwänzchen über den Gasflammen dreht, so recht gar wird? „Och, wir helfen in der Pfanne nach ...“ sagt die Bedienung und säbelt ein rohes Stück fleisch ab, das klatschend in die Pfanne fährt. Nicht einmal das stimmt also: Der Ochs am Spieß ist ein Ochs in der Pfanne.

Den Konsumenten, die da im großen Weinzelt weiß der liebe Himmel welchen Rebensaft in sich hineinpumpen, ist das völlig gleichgültig. Sie kommen auf ihre Kosten. Wie ist es doch so schön am deutschen Rhein! Auch die Holländer, die sich immer zahlreicher einfinden, werden diesen kolossalen Massenrausch auf deutschem Boden so schnell nicht vergessen.

Einige freilich wenden sich verstört ab und suchen eine stille Weinstube. Da ist eine: Schläfrig lehnt der Kellner an der Theke, eine Katze streicht um die Beine der Gäste, und es gibt sogar eine Weinkarte, die nicht nur 59er ausweist, sondern auch einige sehr ordentliche Vertreter des immer seltener werdenden Jahrganges 58, den Kenner leise heimlich aufkaufen.

Zwei Minuten später bricht auch hier die Hölle los. Heinz, Lotte und Emma betreten das Lokal. Heinz trinkt Wein aus der mitgebrachten Flasche und bestellt dazu ein Helles und einen doppelten Steinhäger. Lotte, ein Riesenweib mit hochrotem Gesicht unter grellblondem Haar, verwechselt offenbar das Rheinland mit Italien: Spaghetti, nix Spaghetti?“ redet sie auf den verdutzten Kellner ein. Emma ist klein, rund und voll wie eine Haubitze. „Ach, jehn wir doch...“ mault sie. Bevor sie gehen, werfen sie aber noch einen Haufen Kleingeld in den Musikautomaten – und eine dröhnende Schnulzenflut ergießt sich in die Trommelfelle der hierher Geflüchteten.

Draußen auf den Stufen hockt ein junger Mann: Er hat den Kopf tief zwischen die Beine gesenkt und wird seinen Autobus verschlafen. Ein Herr in Hosenträgern und Strohhut sucht zwecks Heimfahrt sein Auto und lallt, er habe genug „von diesem Rüdesheim“. Das hier ist aber gar nicht Rüdesheim. Da war er vorher. Das hier war einmal ein braves, schläfriges Rheinstädtchen, das sich redlich ernährte und sein Weindien mit Bedacht trank; jetzt ist es, dank rührigen Reisegesellschaften, wochenends ein Wallfahrtsort für jene vielen, die sich einmal am Rhein so recht betrinken wollen. Walter Gong