Die Selbstverwaltung der Wissenschaft muß erhalten bleibeil

Von Gerhard Hess

In Bonn erwägt man, ein Forschungsministerium einzurichten. Solche Pläne erfahren immer großen Auftrieb in den Zeiten, in denen neue Ministerien für nicht vorhandene Minister gesucht werden. Augenblicklich ist dies wieder einmal der Fall, darum ist es wichtig, gerade jetzt fern der Koalitionsarithmetik sich über die sachliche Bedeutung einer solchen Entscheidung klarzuwerden. Professor Gerhard Hess, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, stellt hier Betrachtungen darüber an, ob und unter welchen Gesichtspunkten das derzeitige System koordinierender und kollegial entscheidender Gremien ersetzt werden könnte durch eine neue zentrale verwaltende Staatsstelle.

In letzter Zeit ist eine lebhafte Diskussion darüber entstanden, ob das System der Organisation der Wissenschaft und ihrer Förderung vollständig sei oder nicht vielmehr einer Ergänzung bedürfe. Dabei richtet sich das Interesse fast ausschließlich auf die Anregung, daß der Bund eine seinen Zuständigkeiten entsprechende, stärkere und zentralere Instanz für Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsförderung schaffen könnte und sollte, als sie im Augenblick in der Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums und in den verschiedenen, die Forschung fördernden Referate der Fachressorts gegeben ist.

Verschiedene Pläne werden erörtert; den stärksten Widerhall finden die Vorschläge, für diese Zwecke entweder ein besonderes Ministerium zu schaffen oder das Fachressort, das sich neben Verteidigung und Landwirtschaft mit den größten Mitteln der Forschungsförderung angenommen hat, das Bundesministerium für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft, dafür auszubauen. Die Bezeichnungen wechseln, je nach dem Umfang der Aufgaben, die man der Stelle zusprechen will. In die Erörterung über die Kabinettsbildung ist der Plan mit einbezogen.

Die Begründungen, die explizite und implizite ausgesprochen oder angedeutet werden, sind sehr verschiedener Natur. Es gibt sachliche rein politischer Art, die zum Beispiel Erwägungen über das Verhältnis von Bund und Ländern entstammen. Es ist auch gelegentlich ohne Sachkunde und ohne Sachlichkeit argumentiert worden, so wenn eine angesehene Tageszeitung kürzlich von der „Abkapselung der selbstverwalteten Forschung“ schrieb, die das geplante Ministerium überwinden müßte.

Ausgangspunkt für solche Überlegungen (und dies ist das Ergebnis eingehender Aussprachen mit den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft und der Westdeutschen Rektorenkonferenz) muß die Erwägung sein, ob der neuen Instanz Aufgaben zukommen, welche die bestehenden staatlichen Organe, die Organisationen der Selbstverwaltung und gemischte Institutionen wie der Wissenschaftsrat nicht erfüllen können oder unzulänglich erfüllen.