Edouard Roditi: „Jugendstil ist wieder Mode“, ZEIT Nr. 42

Edouard Roditi schreibt: „Dolf Sternberger, der sich als Soziologe ab und zu auch für Kunst interessiert, machte sich sogar nach 1945 über den Jugendstil lustig.“

Der Satz enthält einige Angaben, die ich richtigstellen möchte. Erstens bin ich kein Soziologe. Ich habe Philosophie studiert, heute lehre ich Politische Wissenschaft. Aber das ist nicht so wichtig. Vor allem habe ich mich als Schriftsteller immer mit den Gegenständen beschäftigt, die mich faszinierten.

Zweitens hat mich das Phänomen des Jugendstils nicht erst „nach 1945“ fasziniert. Mein Buch „Über den Jugendstil und andere Essays“ ist zwar 1956 erschienen, aber der erste Beitrag darin – der der Sammlung den Namen gegeben hat – geht auf einen Aufsatz zurück, der im Juni 1934 in der „Neuen Rundschau“ zuerst erschienen ist. Das ist in dem Buch auch ausdrücklich angegeben. Dieser Beitrag behandelt übrigens nicht allein Werke der Kunst, sondern versucht auch an literarischen und anderen Zeugnissen das eigentümliche Lebensgefühl der Epoche zu erkennen.

Drittens habe ich mich weder in dieser Studie noch in späteren zum gleichen Thema „über den Jugendstil lustig gemacht“. Ganz im Gegenteil. Erlauben Sie mir, den Anfang jenes Essays von 1934 hier anzuführen:

„Das Lachen, das noch immer zu hören ist, wenn irgendwo das Wort ‚Jugendstil‘ fällt, klingt nicht so rein wie ein Lachen wirklicher Befreiung, ihm ist ein Ton von Absicht und Gewaltsamkeit beigemischt ... Der Hohn und die polemische Schärfe ist noch längst nicht derjenigen Gelassenheit gewichen, welche dem ganz Vergangenen gegenüber sich ziemt und sich einstellt.“

Wenn ich mich nicht irre, gehört dieser Aufsatz zu den frühesten Bemühungen, in diese Erscheinung einzudringen und sie zu würdigen. Es wäre ja auch keine Schande, wenn ich mich nach 1945 noch über den Jugendstil lustig gemacht hätte; tatsächlich aber hatte ich schon 1934 damit aufgehört.