Dialektik als Sesam-öffne-dich

Von Ludwig Marcuse

Eins der ältesten, langlebigsten Rätsel, das Denker beunruhigt, ist das „Vergnügen an tragischen Gegenständen“. Von Platon, Aristoteles, Augustinus bis zu Hume, Schiller und Bergson wurde gefragt: warum ist der Mensch darauf aus, durch den Anblick von Tragödien, die er selbst unter keinen Umständen durchmachen möchte, in Trauer versetzt zu werden?

Ist er noch darauf aus? Ziehen Denker diese Frage noch in Betracht? Haben die Theater-Dichter und ihr Volk noch die alte Lust am Tragischen?

Eine neue Schrift, die das alte Nachdenken über das Tragische innerhalb der Tradition fortsetzt –

Peter Szondi: „Versuch über das Tragische“; Insel-Verlag, Frankfurt; 104 S., 8,80 DM

– geht nicht auf die Situation in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ein. und ist wenig interessiert an dem Hingezogensein früherer Zeiten zu Tragödien und tragischen Deutungen des Daseins. Szondi hat sich eine andere Aufgabe gestellt, eine eher akademische: die Definition des Tragischen, die er erwählt hat, zu erhärten: in einer Analyse von acht Tragödien zwischen „König Ödipus“ und „Dantons Tod“, in Kommentaren zu zwölf Zitaten aus Werken von Schelling bis Scheler.