Zum erstenmal in der Geschichte des Friedensnobelpreises ist diese höchste Auszeichnung einem Afrikaner zugesprochen worden: dem 64jährigen ehemaligen Zulu-Häuptling und Präsidenten des "Afrikanischen Nationalkongresses" der Südafrikanischen Republik, Albert Luthuli. Er erhielt den Preis für das Jahr 1960.

Die fünf Mitglieder des Osloer Nobelpreis-Komitees haben sich nicht von dem "Fall Pasternak" abschrecken lassen, sondern auch diesmal einen Preisträger ausgewählt, der von der Regierung seines Heimatlandes als ein "Ausgestoßener" und "politischer Verbrecher" verfemt ist. Vor drei Jahren brauste Nikita Chruschtschow auf, als der "bourgoise" russische Schriftsteller Boris Pasternak mit dem Literaturpreis geehrt wurde. Der Sowjetpremier ließ ihn nicht nach Norwegen fahren, wo der Dichter die Auszeichnung entgegennehmen sollte. Und wieder wird heute in Oslo die Befürchtung laut: Auch der südafrikanische Ministerpräsident Verwoerd könnte sich durch die Ehrung des schwarzen Führers des verbotenen "Afrikanischen Nationalkongreß" Luthuli derart beleidigt fühlen, daß er ihm die Reisegenehmigung verweigern und ihn an seinem Verbannungsort in der Provinz Natal festhalten könnte.

Solche Engstirnigkeit der weißen Politiker in Pretoria wäre dem Friedenspreisträger Luthuli nicht fremd. Dieser "Ghandi Afrikas", wie ihnseine Anhänger nennen, rief nicht zum Krieg gegen die Weißen auf, sondern zur Kooperation. Sein Ziel ist die Rassengleichheit, die er mit friedlichen Mitteln erreichen will. Aber den Apartheids-Verfechtern ging auch das schon zu weit. Sie sperrten ihn nach den Ereignissen von Sharpeville ein, und nachdem sie ihm 1960 den Prozeß machten, wurde er in ein Gebiet verbannt, das er seither nicht verlassen durfte.

Doch alle Vorwürfe seiner Ankläger, die ihn als "Handlanger der Kommunisten" abstempeln wollten, als einen "gewalttätigen Störenfried" sind fadenscheinig. Albert Luthuli ist alles andere als ein Radikaler. Er hat nichts von einem Partice Lumumba. Er ist Südafrikas Prediger der Gewaltlosigkeit, im Gegensatz zu Sobukwe seinem Rivalen, dem Führer des "Pan-Afrikanischen Kongresses", der den Schlachtruf "Afrika den Afrikanern" auf seine Fahnen geschrieben hat.

Nur einmal ging Luthuli auf die Straße. Das war im März 1960 nach dem blutigen Massaker, das die Polizei Südafrikas in Sharpeville unter den Schwarzen angerichtet hatte. Damals rief er spontan seine Anhänger auf, ihre verhaßten Pässe öffentlich zu verbrennen. Luthuli selbst war der erste, der seinen Ausweis ins Feuer warf. Aber auch damals warnte er: "Mein Volk darf nicht in den politischen Selbstmord getrieben werden." Noch heute bleibt er bei seinem Versprechen: "Wir wollen die Weißen nicht vertreiben."

Seine Besonnenheit gegenüber den Weißen, sein Widerwille gegen jeden gewalttätigen Haßausbruch der Afrikaner, trugen ihm sogar die Achtung mancher Buren ein. Wie viele südafrikanische Kirchenführer, so ermahnten jüngst selbst die Mitglieder der Johannesburger Industriekammer den Premier, sich mit Luthuli an einen Tisch zu setzen. Dieser Afrikaner allein, so bemühten sie sich, Verwoerd zu überzeugen, könne die Brücke zwischen den drei Millionen Weißen und den zehn Millionen Afrikanern schlagen.

Aber es war nicht Südafrikas starrköpfiger Regierungschef, der sich dazu bereit fand, die Leistungen dieses maßvollen Mannes anzuerkennen. Es waren jene fünf norwegischen Parlamentsabgeordneten des Nobelpreiskomitees. Vor aller Welt haben sie Albert Luthuli nun als einen Friedensstifter geehrt und ihn damit in eine Reihe mit dem in Afrika tödlich verunglückten UN-Generalsekretär Dag Hammerskjöld gestellt.

Dietrich Strothmann