Pierre Cardin: Männermode macht mehr Spaß

Ein Wettstreit zwischen Paris und London

Von Katharina E. Russell

Seit einigen Jahren spielt sich auf der Bühne der Männermode ein seltsames Schauspiel ab: Seit Beginn der industriellen Revolution, als der reichgefiederte „Pfau“ in Samt und Seide über Nacht zum „schwarzen Raben im Bratenrock“ wurde, ging es nicht so bunt zu. Hundert oder mehr Jahre war der Anzug des Mannes fast immer gleich geblieben, während das Kleid der Frau so viele Wandlungen erfuhr, daß heute dem Modeschöpfer kaum noch etwas Neues zu erfinden übrigbleibt. Lang oder kurz, drapiert oder glatt, auf die Figur gegossen oder sackartig – die Stufenleiter aller Tendenzen ist ein jeder Couturier schon oft hinauf- und hinuntergeklettert. Selbst das Kind ist mit einbezogen worden: Eine „Haute Couture für Vier- bis Zwölfjährige“ wurde nicht nur von den französischen Müttern, sondern vor allem von amerikanischen Einkäufern willkommen geheißen. Und nachdem man in den USA nerzbesetzte Samtmäntelchen für Pudel und Pekinesen nicht ohne Erfolg lancierte, blieb als einziges unbeackertes Feld die Männermode übrig.

Jacques Fath war es, der damit angefangen hatte, sich wieder um die „Krone der Schöpfung“ und ihre Verschönerung zu bemühen. Er entwarf Krawatten, und er verkaufte sie gut. Dann regte sich Italien und versuchte, dem lange als stabiles und konservatives Reich maskuliner Schneiderei geltenden London den Rang abzulaufen, während gleichzeitig sich Amerika mit der „Ivy Leage“-Welle zum Wort meldete, dem Anzugstil der College Boys, schmal und lose in der Taille. Verkaufsfördernde Slogans wie „Continental“, „Italian“ und „Savile Row“ – der nach einer kleinen Straße in der „Goldenen Meile“ um Bond Street benannte, etwas konservative Schneiderstil – trugen dazu bei, Verwirrung in die Reihen der Käufer zu bringen und so den Umsatz der Herrenkonfektion zu steigern.

Herrenmode war plötzlich Mode. Niemals hatten junge Leute zwischen 16 und 25 Jahren soviel Geld verdient. Die Werbefachleute der Bekleidungsindustrie erfanden gut gezielt den Twen, den eine vom „Gut-bei-Kasse-sein“ gestützte Eitelkeit „modebewußt“ machte. Vom Teddy Boy, der den Edwardian Stil des Gardeoffiziers karikierte, bis zum Couturier, den das Brachland der Herrenmode zum Experimentieren reizte, ist es nur ein Schritt. In England legte ihn Hardy Amies, der Schneider der Königin, und in Paris Pierre Cardin, eines der größten Entwurfstalente unserer Zeit, mit Verve zurück.

Während aber Mr. Hardy Amies, Engländer vom Scheitel bis zur Sohle, sein Männerporträt auf die Tradition und auf die Unauffälligkeit von Buckingham Palace aufbaut, läßt sich Pierre Cardin nicht von überholten konservativen Hemmungen bremsen. Er betrachtet den Anzug des Mannes als eine höchst individuelle Angelegenheit, und er träumt nicht davon, daß Paris ein „kollektiv-maskulines“ Modezentrum sei oder werde. Er meint, jedes Land habe seine eigene Note zu kultvieren, und jeder Mann solle sich seinem Typ und Temperament entsprechend anziehen. „Neue Stilideen für den Mann“, so sagt er, „haben die besten Chancen, adoptiert zu werden, wenn sie sich an die Jungen wenden ... “