Die Bauern und die FDP

Vor der Bundestagswahl haben fast alle Parteien versucht, das Problem Landwirtschaft und EWG mehr oder weniger geschickt zu umgehen. Wenn sie Antwort gaben, dann nur sehr allgemein und unverbindlich. Lediglich die FDP sah hier ihre große Chance, indem sie vor den Wahlen immer wieder den Bauern erklärte, sie sei nicht bereit, das deutsche Bauerntum „auf dem Altar der EWG zu opfern“. Diese Haltung brachte der FDP selbst in Bayern eine Verdoppelung ihres Stimmenanteils. Wahldeuter haben inzwischen nachzuweisen vermocht, daß die FDP ihren Erfolg tatsächlich nur mit Hilfe bäuerlicher und mittelständischer Wähler, deren Hoffnungen sich an die FDP klammerten, zu erringen in der Lage war.

Noch am 30. Juni machte sich die FDP in einer großen EWG-Debatte zum Anwalt der von der Regierung enttäuschten Bauern. Der FDP-Sprecher im Bundestag erklärte, daß die wirtschaftliche Integration Westeuropas nicht auf Kosten der Ernährungswirtschaft vollzogen werden dürfe. Wie der „Agrarpolitische Rundbrief der FDP“ von Anfang September berichtete, erklärte Mende dem Bauernverbandspräsidenten Rehwinkel „in ganz verbindlicher Form“, die Partei sei nicht bereit, „die Landwirtschaft dem Europäischen Markt zu opfern.“ Die Agrarpolitik des Vierten Deutschen Bundestages müsse dem „ordnungsgemäß bewirtschafteten Betrieb den kostendeckenden Preis zusichern.“ Die an der EWG orientierte Agrarpolitik der CDU/CSU wurde im Agrarpolitischem Rundbrief der FDP als „katastrophal“ bezeichnet.

Da die FDP die einzige Partei war, die sich mit dieser Entschiedenheit der bäuerlichen Sorgen annahm, die einzige Partei, die „verbindlich“ versprach, den Bauern „Schutz“ vor der EWG zu gewähren, wählten viele Bauern die Partei Mendes. Der Trend auf dem Lande, von den Unionsparteien fortzustreben, hat also keine allgemeinpolitischen oder ideologischen Ursachen; ihm liegen wirtschaftspolitische Erwägungen zugrunde. Der Bauer pflegt nicht abstrakt zu denken, sondern höchst praktisch.

Viele Bauern befürchten jetzt schon, ihre Stimme der „falschen“ Partei gegeben zu haben. So meinte kürzlich ein bäuerlicher Sprecher auf einer Versammlung bei München: „Wir sind auf dem besten Wege, verraten und verkauft zu werden.“ Die Bauern wünschten sehr schnell zu erfahren, wie sich die FDP-Füh rung die Beseitigung des Widerspruches vorstellt, der sich aus der uneingeschränkten Befürwortung der EWG-Politik der Christdemokraten und dem Ver sprechen ergibt, die Bauern vor den EWG-Auswirklingen schützen zu wollen.

Reiner Ernst, Hof am Regen