In der vorigen Woche starb kurz nach seinem 91. Geburtstag in Lindau Graf Siegfried zu Eulenburg, Herr auf Wicken in Ostpreußen. Für viele Ostpreußen ist mit dem Tode dieses ritterlichen Mannes das letzte Stück Heimat dahingegangen. Ein Mensch, der eine ganze Landschaft verkörpert? Es ist viel, dies zu sagen, aber es ist die volle Wahrheit. Wer den kerzengeraden, seine Umgebung um Haupteslänge überragenden alten Herrn mit dem Bismarck-Schädel und den sprühenden Augen kannte, der hat keinen Zweifel an dieser Feststellung.

Im Januar 1945, als die Russen in Ostpreußen eindrangen, hatte er die Pferde vor den großen alten Landauer spannen lassen, hatte noch einmal zurückgeblickt zu dem weißen, langgestreckten Herrenhaus, auf dem in schwarzen Lettern der Spruch stand: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird Euch solches alles zufallen“; dann war der 75jährige aufgebrochen zusammen mit seiner fast gleichaltrigen Frau. In Sturm und eisiger Kälte ging die Fahrt über das Haff, durch Ostpreußen, die Mark Brandenburg. Wochen- und monatelang durch ganz Deutschland bis nach Lindau am Bodensee.

Dort lebte er, der letzte Kommandeur des ersten Garderegiments zu Fuß – des ruhmreichsten preußischen Regimentes – dem als einzigen Truppenführer des 1. Weltkrieges der Pour le Merite mit Eichenlaub verliehen worden ist, ein stilles, geistig erfülltes Leben. Moderne Kunst, Fragen der Erziehung, politische Probleme, alles beschäftigte ihn. Nicht nebenbei oder obenhin, sondern mit der ganzen Leidenschaft und Kompromißlosigkeit seines unbestechlichen Geistes. Nie sah ich so viel preußische Zucht und Strenge gepaart mit so viel Heiterkeit, Charme und ritterlicher Grandezza: Ein großer Herr und zugleich ein unendlich bescheidener Mensch. Einer der letzten, die noch wußten, daß Demut nur eine besondere Spielart von Mut ist.

Ein beträchtliches Vermögen war im Ersten Weltkrieg, voll und ganz als „Kriegsanleihe“ gezeichnet, verlorengegangen, im Zweiten Weltkrieg folgte dann der ostpreußische Landbesitz. Aber nie kam ein Wort der Klage über seine Lippen. Nur eine Sorge erfüllte ihn gelegentlich, die Sorge, er könne irgendeinem der Verwandten oder Freunde zur Last fallen. Darum hatte er als listiger Hausvater bald nach seiner Ankunft in Lindau, wo er in zwei kleinen Zimmern hauste, schon vorsorglich sein Grab auf dem Friedhof errichten lassen. Zuweilen ging er sehr befriedigt an dem Stein vorbei, auf dem stand: Siegfried Graf zu Eulenburg, geboren 10. Oktober 1870 in Wicken/Ostpreußen. Nur das Sterbedatum war freigelassen. Jetzt wird man es nachtragen: gestorben in Lindau am 18. Oktober 1961.

Vor nicht langer Zeit schrieb er einmal: „Daß ich keinen Kaiser mehr habe, daß ich meine Heimat und meinen einzigen Sohn verloren habe, damit muß ich fertig werden, aber womit ich mich nie abfinden werde, das ist das Schicksal Deutschlands.“

Wenn irgendeiner in dieser Bundesrepublik die Teilung Deutschlands schmerzhaft wie eine Amputation empfand, wenn irgendeinen dieses Schicksal nicht schlafen ließ, dann war es Siegfried Eulenburg, den viele den letzten Preußen nannten. Dff