Der moderne Wohlfahrtsstaat kollidiert mit der Freiheit – Seite 1

Über die Ursachen unseres heutigen sozialen Konflikts

Von Wolfgang Krüger

Der englische Sozialwissenschaftler Thorold Rogers hat für die Zeit vom Ausgang des-Mittelalters bis zum Beginn der Industrialisierung den durchschnittlichen Lohn des englischen Arbeiters mit dem jeweiligen Brotpreis verglichen. Zur Deckung seines Jahresbedarfs an trockenem Brot verbrauchte der englische Arbeiter im Jahre 1495 den Verdienst von zehn Wochen, im Jahre 1553 mußte er dafür fünfzehn Wochen arbeiten. 1564 waren es zwanzig Wochen, 1593 vierzig Wochen, 1653 dreiundvierzig Wochen, 1684 achtundvierzig Wochen und im Jahre 1726 reichte sein Jahreseinkommen eben noch gerade aus, um den für das Leben notwendigen Brotbedarf decken zu können.

Im Jahre 1733 erfand der Engländer John Key das Weberschiffchen, aus dem dann einige Jahrzehnte später der automatische Webstuhl entwickelt wurde. Seit der Erfindung von Key bis heute hat sich der Reallohn des mittel- und westeuropäischen Arbeiters – das ist also das, was er sich für seinen Lohn kaufen kann – etwa verzwanzigfkht; die Arbeitszeit hat sich um fast die Hülfe verringert und die Bevölkerungszahlen der europäischen Industriestaaten, die wegen der fehlenden Nahrungsgrundlage und der dadurch verursachten hohen Kindersterblichkeit im 18. Jahrhundert stagnierte, haben sich seither auf das Fünffache erhöht.

Notwendigkeit und Folgen der Industrialisierung lassen sich an diesen Zahlen ablesen; sie werfen aber auch eine sozialpolitische Grundsatzfrage auf, die Frage nach den Aufgaben der Sozialpolitik in unserer Zeit.

Das war einmal

Die Aufgabe der Sozialpolitik ist die Beseitigung oder wenigstens Milderung sozialer Konflikte. Sie hat es zu allen Zeiten gegeben, aber ihr konkreter Inhalt hat sich gewandelt. Die inneren Spannungen, an denen das alte römische Reich und griechische Stadtstaaten zerbrachen, hatten andere Ursachen als die sozialen Gärungen des Mittelalters, und erfreulicherweise gehört jene physische Existenznot ganzer Bevölkerungsschichten, die vor und auch noch einige Zeit nach Einsetzen der Industrialisierung den sozialen Auseinandersetzungen ihre revolutionäre Sprengkraft gaben, heute, nachdem die industrielle Gesellschaft sich konsolidiert hat und auf dem Wege zur Massenwohlfahrt ist, längst der Vergangenheit an. Trotzdem haben wir einen sozialen Konflikt.

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In einer jüngst erschienenen betriebssoziologischen Studie von Wolfgang Kellner (Der moderne soziale Konflikt – seine Ursachen und seine Überwindung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 252 Seiten, 26,50 DM) wird folgende These aufgestellt: Die Industrialisierung und die durch sie ermöglichte ständige Steigerung des allgemeinen Lebensstandards hat die materielle Not als auslösendes Motiv sozialer Unruhen beseitigt. Wenn es unserer Zeit dennoch an sozialen Reibungen nicht mangelt, so hat das seinen Grund darin, daß im Zuge der Industrialisierung die Bewegungsfreiheit und Selbstverantwortung des arbeitenden Menschen in einem nicht mehr tragbaren Außmaß eingeschränkt worden ist. Die sozialen Spannungen unserer Zeit sind nicht mehr die Folge des Unterschieds von arm und reich, sondern des Gegensatzes von Abhängigkeit und Selbständigkeit. Darum kann der „moderne soziale Konflikt“ auch nicht mehr mit ökonomischen Mitteln gelöst werden, durch die immer weitere Steigerung der Masseneinkommen und der Massenwohlfahrt, sondern „nur“ durch Wiederherstellung des der Würde des Menschen angemessenen Freiheits- und Verantwortungsraumes, durch größere „Selbstbestimmung“ des im fremden Betrieb arbeitenden, „fremdbestimmten“ Menschen.

Ärger am Arbeitsplan

Kellner hat seine These mit vielen und bis ins Detail gehenden ausführlichen Beispielen ats dem reichen Erfahrungsschatz, der ihm als nicht nur lehrender, sondern auch praktisch wirkender Betriebspsychologe und Betriebssoziologe zur Verfügung steht, untermauert. Wer sich ein systematisches Bild darüber machen will, welche eminente Bedeutung heute der Faktor „menschliche Beziehungen“ im allgemeinen und das Problem der fremdbestimmung“ im besonderen in unserem Arbeitsleben gewonnen hat, möge die Lektüre dieses Buches auf keinen Fall versäumen. Aber im übrigen sind zu dieser Auffassung von den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten des heutigen sozialen Konflikts doch einige kritische Einwände zu machen.’ An sich richtige und wesentliche Erkenntnisse werden hier zu einem Patentrezept zusammengemischt. Aber noch nie ist ein Problem – und die sogenannte „soziale Frage“ ist ein sehr vielschichtiges und darum echtes Problem – mir einer einzigen Formel gelöst worden.

Jeder, der heute als „Nichtselbständiger“ in einem Betrieb arbeitet – und das sind mehr als 80 vH der im Erwerbsleben stehenden Bevölkerung –, weiß, wie sehr die Freude und die Befriedigung an der Arbeit von der ihm zugestandenen Eigeninitiative abhängig ist. So wenig der moderne Betrieb im technischen Zusammenspiel auf eine nach Verantwortung und Weisungsrecht abgestufte Hierarchie verzichten kann, so sicher ist aber auch, daß oft mehr befohlen und angewiesen wird, als es von der Sache her unabdingbar notwendig ist. Dieses unnötige Hineinreden und Hineinregieren von oben nach unten, von links nach rechts und von rechts nach links bis in die Einzelheiten der Arbeitsvorgänge, wo der „Mann vor Ort“ naturgemäß der bessere Fachmann ist, ist die Quelle unzähliger Spannungen von fataler Explosivität; der Arbeiter und Angestellte siebt sich als Person und selbstdenkender Mensch in Frage gestellt...

In Untersuchungen, die demoskopische Institute der Bundesrepublik in den letzten Jahren in und außerhalb der Betriebe angestellt haben, ist immer wieder festgestellt worden, daß in der Wunschliste der Arbeitnehmer „Anerkennung und menschenwürdige Behandlung“ mit an oberster Stelle steht. Was meint der Arbeiter und Angestellte damit? Nach Kellner also in erster Linie Mitgestaltung und Mitentscheidung am und im nächsten Umkreis des Arbeitsplatzes, freie Hand bei der Durchführung des Arbeitsvollzuges und ein gewisses Maß an allgemeiner Information über die gesamtbetrieblichen Vorgänge, die es dem Mann an der Maschine und im Büro ermöglicht, nicht nur ein blind und mechanisch Anweisungen ausführender Bestandteil eines technokratischen Apparates zu sein. Der Arbeitnehmer versteht unter „Anerkennung und menschenwürdiger Behandlung“ mehr als nur die Befolgung der Parole: Seid nett zueinander!

Aber wohl auch noch einiges mehr, als es Kellner in seinem Buch zu deduzieren sich bemüht. So richtig – und beherzigenswert – die von ihm dargebotene Therapie an sich ist, so unzureichend wird sie jedenfalls, wenn sie zu der Behandlungsmethode des sozialen Konflikts generalisiert wird.

Kellner reduziert den sozialen Konflikt im Grunde auf das Freiheitsproblem. Er übersieht dabei, wie andere liberale Sozialpolitiker auch, daß in der modernen Industriegesellschaft der Ausweitung des Selbstbestimmungsraumes von der Sache her unüberschreitbare Grenzen gesetzt sind. Auch in einem im Sinne Kellners ideal geführten Betrieb – das wäre also der Betrieb, in dem nicht mehr befohlen wird, als befohlen werden, muß – bleibt die Fremdbestimmung das die menschlichen Beziehungen beherrschende Faktum. Das damit verbundene Problem ist nicht mit dem Freiheitspostulat zu lösen, es wirft die ganz andere Frage nach der verpflichtenden Verantwortung auf, die ein Mensch für andere Menschen übernimmt, die Frage nach den menschlichen und fachlichen Qualifikationen der „Fremdbestimmer“, derjenigen also, die in einem Betrieb in einer mehr oder weniger großen Dosierung etwas zu sagen haben.

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Aber davon abgesehen: Der die soziale Frage allzu forsch auf das Freiheitsproblem verkürzenden Formel muß vor allem deswegen widersprochen werden, weil sie leicht zu, dem fatalen Mißverständnis führen kann, als ob der Lohn und das Gehalt für den Arbeiter und Angestellten nunmehr zu einer Angelegenheit von zweit- oder drittrangiger Bedeutung geworden wäre. Und das ist nun ganz gewiß nicht der Fall. Wenn sich etwas gegenüber früher – grob gesprochen: Seit den Zeiten vor und nach Beginn der Industrialisierung – geändert hat, dann ist es das, daß heute, nachdem die Industrialisierung ihren Reifezustand erreicht und das Füllhorn ihrer materiellen Früchte auch über die Massen der Bevölkerung auszuschütten begonnen hat, die soziale Frage nicht mehr einen nur-ökonomischen Aspekt hat. Wahrscheinlich war das auch nie in der extremen Weise der Fall, wie das Kellner in dem historischen Teil seines Buches – etwa für die Antike – annimmt. Aber zweifellos haben sich ihre inneren Akzente verschoben.

Das Prestige

In gleichem Maße, wie die Industrialisierung der materiellen Seite der sozialen Frage ihre brennende Aktualität nahm, hat sie, durch die mit ihr verbundenen Menschenmassierungen, durch die Über- und Unterordnungen in den Betrieben und im perfektionierten Verwaltungsstaat, die menschlichen Reibungsflächen vergrößert. Die „zwischenmenschlichen Beziehungen“ sind zu einem Problem ersten Ranges geworden. Dennoch lassen sie sich nicht als das Wichtigere und Entscheidendere gegen den materiellen Faktor ausspielen; denn der Wert des Lohnes oder des Gehalts, das ein Mann (oder eine Frau) heute nach Hause bringt, wird längst nicht mehr an Brotkalorien gemessen, sondern daran, was damit im Verhältnis zu anderen, al so an sozialem Prestige auf die Beine gestellt werden kann. Auch der Lohn und das Gehalt sind in der saturierten Wohlstandsgesellschaft zu einem Bestandteil, und sogar zu einem sehr wichtigen Bestandteil, der menschlichen Geltung und Anerkennung geworden. Anders wäre die Härte der Auseinandersetzungen um den „gerechten Lohn“ inner-und außerhalb der Betriebe nicht zu verstehen.

Die soziale Problematik ist dadurch nicht eben einfacher geworden. Der sehr komplexe Charakter, den sie in der modernen Industriegesellschaft angenommen hat, verbietet es, den sozialen Konflikt aus einer Wurzel kurieren zu wollen.

Sicher trifft das, was Adolf Wagner noch vor 50 Jahren „Sozialpolitik“ genannt hat, nämlich „diejenige Politik des Staates, welche Mißstände im Gebiet des Verteilungsprozesses mit Mitteln der Gesetzgebung und Verwaltung zu bekämpfen versucht“, heute nicht mehr den Kern der Sache. Dennoch bleibt die „Umverteilung“ der Einkommen zur Milderung der im Zuge der stürmischen wirtschaftlichen Expansion immer wieder allzu stark aufreißenden Einkommensunterschiede eine Aufgabe-der Sozialpolitik, die nun allerdings ihre klare Grenze genau an der Stelle findet, wo sie mit einem anderen ebenso legitimen Ziel der Sozialpolitik in Kollision gerät, nämlich den ohnehin klein gewordenen Selbstverantwortungsspielraum der in abhängiger Stellung Arbeitenden nicht noch weiter einzuengen.

Das ist der eigentliche Einwand gegen die Umverteilungspolitik des Staates; nicht daß sie heute überflüssig geworden wäre, sondern weil sie einen immer größeren Anteil des Volkseinkommens der freien Verfügbarkeit entzieht und damit auch den Arbeitnehmer selbst – der mittlerweile bereits ein gutes Viertel seines wirklichen Bruttoeinkommens, ohne daß er um sein Einverständnis gebeten wird, allein in die Kassen der verschiedenen sozialen Zwangseinrichtungen abführen muß – immer stärker in die Position der Abhängigkeit treibt.

Wohlfahrt in Freiheit

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Und das ist auch der eigentliche Einwand gegen die neueste Variante in der Umverteilungspolitik, gegen die Bemühungen des Staates, das Eigentum breiter zu streuen. Nichts gegen eine breitere Eigentumsstreuung. Sie ist wünschenswerter denn je, aber alle bisher vorgelegten Pläne – und auch das in diesem Jahr bereits in Kraft getretene „Gesetz über eine Ergebnisbeteiligung der Arbeitnehmer“ gehört dazu – tragen das Stigma der weiteren Entmündigung der Arbeitnehmer.

Hier und in diesem Sinne stößt der Wohlfahrtsstaat an seine Grenzen – und aus diesen Überlegungen ist die Sozialpolitik zum Umdenken auf einen „neuen Stil“ gezwungen. Allein die jahrelangen und noch nicht beendeten Auseinandersetzungen um die Krankenkassenreform zeigen, wie schwer es ist, Wohlfahrt und Freiheit auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.