In einer jüngst erschienenen betriebssoziologischen Studie von Wolfgang Kellner (Der moderne soziale Konflikt – seine Ursachen und seine Überwindung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 252 Seiten, 26,50 DM) wird folgende These aufgestellt: Die Industrialisierung und die durch sie ermöglichte ständige Steigerung des allgemeinen Lebensstandards hat die materielle Not als auslösendes Motiv sozialer Unruhen beseitigt. Wenn es unserer Zeit dennoch an sozialen Reibungen nicht mangelt, so hat das seinen Grund darin, daß im Zuge der Industrialisierung die Bewegungsfreiheit und Selbstverantwortung des arbeitenden Menschen in einem nicht mehr tragbaren Außmaß eingeschränkt worden ist. Die sozialen Spannungen unserer Zeit sind nicht mehr die Folge des Unterschieds von arm und reich, sondern des Gegensatzes von Abhängigkeit und Selbständigkeit. Darum kann der „moderne soziale Konflikt“ auch nicht mehr mit ökonomischen Mitteln gelöst werden, durch die immer weitere Steigerung der Masseneinkommen und der Massenwohlfahrt, sondern „nur“ durch Wiederherstellung des der Würde des Menschen angemessenen Freiheits- und Verantwortungsraumes, durch größere „Selbstbestimmung“ des im fremden Betrieb arbeitenden, „fremdbestimmten“ Menschen.

Ärger am Arbeitsplan

Kellner hat seine These mit vielen und bis ins Detail gehenden ausführlichen Beispielen ats dem reichen Erfahrungsschatz, der ihm als nicht nur lehrender, sondern auch praktisch wirkender Betriebspsychologe und Betriebssoziologe zur Verfügung steht, untermauert. Wer sich ein systematisches Bild darüber machen will, welche eminente Bedeutung heute der Faktor „menschliche Beziehungen“ im allgemeinen und das Problem der fremdbestimmung“ im besonderen in unserem Arbeitsleben gewonnen hat, möge die Lektüre dieses Buches auf keinen Fall versäumen. Aber im übrigen sind zu dieser Auffassung von den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten des heutigen sozialen Konflikts doch einige kritische Einwände zu machen.’ An sich richtige und wesentliche Erkenntnisse werden hier zu einem Patentrezept zusammengemischt. Aber noch nie ist ein Problem – und die sogenannte „soziale Frage“ ist ein sehr vielschichtiges und darum echtes Problem – mir einer einzigen Formel gelöst worden.

Jeder, der heute als „Nichtselbständiger“ in einem Betrieb arbeitet – und das sind mehr als 80 vH der im Erwerbsleben stehenden Bevölkerung –, weiß, wie sehr die Freude und die Befriedigung an der Arbeit von der ihm zugestandenen Eigeninitiative abhängig ist. So wenig der moderne Betrieb im technischen Zusammenspiel auf eine nach Verantwortung und Weisungsrecht abgestufte Hierarchie verzichten kann, so sicher ist aber auch, daß oft mehr befohlen und angewiesen wird, als es von der Sache her unabdingbar notwendig ist. Dieses unnötige Hineinreden und Hineinregieren von oben nach unten, von links nach rechts und von rechts nach links bis in die Einzelheiten der Arbeitsvorgänge, wo der „Mann vor Ort“ naturgemäß der bessere Fachmann ist, ist die Quelle unzähliger Spannungen von fataler Explosivität; der Arbeiter und Angestellte siebt sich als Person und selbstdenkender Mensch in Frage gestellt...

In Untersuchungen, die demoskopische Institute der Bundesrepublik in den letzten Jahren in und außerhalb der Betriebe angestellt haben, ist immer wieder festgestellt worden, daß in der Wunschliste der Arbeitnehmer „Anerkennung und menschenwürdige Behandlung“ mit an oberster Stelle steht. Was meint der Arbeiter und Angestellte damit? Nach Kellner also in erster Linie Mitgestaltung und Mitentscheidung am und im nächsten Umkreis des Arbeitsplatzes, freie Hand bei der Durchführung des Arbeitsvollzuges und ein gewisses Maß an allgemeiner Information über die gesamtbetrieblichen Vorgänge, die es dem Mann an der Maschine und im Büro ermöglicht, nicht nur ein blind und mechanisch Anweisungen ausführender Bestandteil eines technokratischen Apparates zu sein. Der Arbeitnehmer versteht unter „Anerkennung und menschenwürdiger Behandlung“ mehr als nur die Befolgung der Parole: Seid nett zueinander!

Aber wohl auch noch einiges mehr, als es Kellner in seinem Buch zu deduzieren sich bemüht. So richtig – und beherzigenswert – die von ihm dargebotene Therapie an sich ist, so unzureichend wird sie jedenfalls, wenn sie zu der Behandlungsmethode des sozialen Konflikts generalisiert wird.

Kellner reduziert den sozialen Konflikt im Grunde auf das Freiheitsproblem. Er übersieht dabei, wie andere liberale Sozialpolitiker auch, daß in der modernen Industriegesellschaft der Ausweitung des Selbstbestimmungsraumes von der Sache her unüberschreitbare Grenzen gesetzt sind. Auch in einem im Sinne Kellners ideal geführten Betrieb – das wäre also der Betrieb, in dem nicht mehr befohlen wird, als befohlen werden, muß – bleibt die Fremdbestimmung das die menschlichen Beziehungen beherrschende Faktum. Das damit verbundene Problem ist nicht mit dem Freiheitspostulat zu lösen, es wirft die ganz andere Frage nach der verpflichtenden Verantwortung auf, die ein Mensch für andere Menschen übernimmt, die Frage nach den menschlichen und fachlichen Qualifikationen der „Fremdbestimmer“, derjenigen also, die in einem Betrieb in einer mehr oder weniger großen Dosierung etwas zu sagen haben.