Aber davon abgesehen: Der die soziale Frage allzu forsch auf das Freiheitsproblem verkürzenden Formel muß vor allem deswegen widersprochen werden, weil sie leicht zu, dem fatalen Mißverständnis führen kann, als ob der Lohn und das Gehalt für den Arbeiter und Angestellten nunmehr zu einer Angelegenheit von zweit- oder drittrangiger Bedeutung geworden wäre. Und das ist nun ganz gewiß nicht der Fall. Wenn sich etwas gegenüber früher – grob gesprochen: Seit den Zeiten vor und nach Beginn der Industrialisierung – geändert hat, dann ist es das, daß heute, nachdem die Industrialisierung ihren Reifezustand erreicht und das Füllhorn ihrer materiellen Früchte auch über die Massen der Bevölkerung auszuschütten begonnen hat, die soziale Frage nicht mehr einen nur-ökonomischen Aspekt hat. Wahrscheinlich war das auch nie in der extremen Weise der Fall, wie das Kellner in dem historischen Teil seines Buches – etwa für die Antike – annimmt. Aber zweifellos haben sich ihre inneren Akzente verschoben.

Das Prestige

In gleichem Maße, wie die Industrialisierung der materiellen Seite der sozialen Frage ihre brennende Aktualität nahm, hat sie, durch die mit ihr verbundenen Menschenmassierungen, durch die Über- und Unterordnungen in den Betrieben und im perfektionierten Verwaltungsstaat, die menschlichen Reibungsflächen vergrößert. Die „zwischenmenschlichen Beziehungen“ sind zu einem Problem ersten Ranges geworden. Dennoch lassen sie sich nicht als das Wichtigere und Entscheidendere gegen den materiellen Faktor ausspielen; denn der Wert des Lohnes oder des Gehalts, das ein Mann (oder eine Frau) heute nach Hause bringt, wird längst nicht mehr an Brotkalorien gemessen, sondern daran, was damit im Verhältnis zu anderen, al so an sozialem Prestige auf die Beine gestellt werden kann. Auch der Lohn und das Gehalt sind in der saturierten Wohlstandsgesellschaft zu einem Bestandteil, und sogar zu einem sehr wichtigen Bestandteil, der menschlichen Geltung und Anerkennung geworden. Anders wäre die Härte der Auseinandersetzungen um den „gerechten Lohn“ inner-und außerhalb der Betriebe nicht zu verstehen.

Die soziale Problematik ist dadurch nicht eben einfacher geworden. Der sehr komplexe Charakter, den sie in der modernen Industriegesellschaft angenommen hat, verbietet es, den sozialen Konflikt aus einer Wurzel kurieren zu wollen.

Sicher trifft das, was Adolf Wagner noch vor 50 Jahren „Sozialpolitik“ genannt hat, nämlich „diejenige Politik des Staates, welche Mißstände im Gebiet des Verteilungsprozesses mit Mitteln der Gesetzgebung und Verwaltung zu bekämpfen versucht“, heute nicht mehr den Kern der Sache. Dennoch bleibt die „Umverteilung“ der Einkommen zur Milderung der im Zuge der stürmischen wirtschaftlichen Expansion immer wieder allzu stark aufreißenden Einkommensunterschiede eine Aufgabe-der Sozialpolitik, die nun allerdings ihre klare Grenze genau an der Stelle findet, wo sie mit einem anderen ebenso legitimen Ziel der Sozialpolitik in Kollision gerät, nämlich den ohnehin klein gewordenen Selbstverantwortungsspielraum der in abhängiger Stellung Arbeitenden nicht noch weiter einzuengen.

Das ist der eigentliche Einwand gegen die Umverteilungspolitik des Staates; nicht daß sie heute überflüssig geworden wäre, sondern weil sie einen immer größeren Anteil des Volkseinkommens der freien Verfügbarkeit entzieht und damit auch den Arbeitnehmer selbst – der mittlerweile bereits ein gutes Viertel seines wirklichen Bruttoeinkommens, ohne daß er um sein Einverständnis gebeten wird, allein in die Kassen der verschiedenen sozialen Zwangseinrichtungen abführen muß – immer stärker in die Position der Abhängigkeit treibt.

Wohlfahrt in Freiheit