Im Vordergrund steht die unbewältigte Vergangenheit des Stalinismus – Drei Zentren des Weltkommunismus Wird aus Differenzierung Desintegration?

Der XXII. Parteik’ongreß Hat einen überraschenden Verlauf genommen. Seit Monaten war er als „Kongreß der Erbauer des Kommunismus“ angekündigt worden. Er sollte neue Aufgaben und neue Perspektiven stellen, das neue Parteiprogramm und das neue Parteistatut bestätigen; er sollte das kommunistische Endziel definieren, die Wege zu diesem Ziel aufzeigen und die Bevölkerung für die Erreichung dieses Zieles mobilisieren.

Der Parteitag hatte eine Demonstration des zukunftsfreudigen Optimismus sein sollen. Das neue, riesige Kreml-Theater war zu seinen Ehren eingeweiht worden. 4408 Delegierte mit beschließender und 405 mit beratender Stimme hatte Chruschtschow in den Kreml geladen – fast das Dreifache der sonst üblichen Teilnehmerzahl. Die Führungen von 80 kommunistischen Parteien – gegenüber 55 auf dem XX. Parteitag im Februar 1956 – sind diesmal in Moskau vertreten. Erstmals nahmen an einem sowjetischen Parteikongreß auch führende Vertreter von drei nichtkommunistischen Parteien teil: der People’s Convention Party von Ghana, der Demokratischen Partei von Guinea und des Sudanesischen Bundes von Mali.

Die wachsende Mitgliederzahl der sowjetischen Staatspartei und der kommunistischen Weltbewegung sollte die Demonstration unterstreichen. Seit dem XX. Parteitag im Februar 1956 hat die sowjetische Staatspartei ihre Mitgliederzahl von 7,2 auf 9,2 Millionen erhöht. Die Zahl der kommunistischen Parteien in der Welt ist im gleichen Zeitraum von 75 auf 87 gestiegen, ihre Mitgliederzahl von 33 auf 40 Millionen.

Das Thema „Zukunft“ wurde jedoch schon in den ersten Tagen des Parteikongresses von anderen, wichtigeren Themen völlig in den Hintergrund gedrängt. Noch wissen wir nicht, ob diese Änderung vorher von der Sowjetführung geplant worden ist und welche Rolle dabei die Geheimsitzung des Zentralkomitees unmittelbar vor dem Parteikongreß gespielt hat. Man darf jedoch annehmen, daß diese neuen Themen des Parteitages – das Aufrollen des Stalin-Problems, der verschärfte Kampf gegen die „Parteifeinde“ und die Anklagen gegen die albanischen Parteiführer – erst kurz vor Beginn des Kongresses beschlossen worden sind.

Stalin und der Stalinismus

Die erste Überraschung war, daß Chruschtschow gegen Ende seines sechseinhalbstündigen Rechenschaftsberichtes plötzlich die Schreckenszeit der Stalin-Ära wieder beschwor. Mit einer Schärfe, wie es sie seit dem Frühjahr 1956 in sowjetischen Schriften nicht mehr gegeben hat, sprach er von „gröbsten Verstößen gegen die sozialistische Gesetzlichkeit“, von „Machtmißbrauch“, „Willkür“, „Repressalien gegen viele ehrliche Menschen, darunter auch gegen namhafte Persönlichkeiten der Partei und des Sowjetstaates“. Chruschtschow erinnerte an Lenins Testament aus dem Jahre 1922, in dem der erste Sowjetherrscher vor Stalin gewarnt hatte, und betonte, in der Stalin-Aera – nun offiziell als „Periode des Personenkults“ bezeichnet – seien viele Parteifunktionäre zu „Kriechern, kritiklosen Ja-Sagern und Betrügern“ geworden.