C. M., Berlin

In der Nähe des Bahnhofs Gesundbrunnen im West-Berliner Bezirk Wedding steht ein alter Wasserturm. Er steht einwandfrei auf West-Berliner Gebiet, das hier vom Ost-Sektor nur verwaltet wird. So wollten es im Jahre 1945 de vier Alliierten: Die Reichsbahn sollte vom Osten gelenkt werden, das Bahngebiet im Westen Berlins unter der Verwaltung des Ost-Sektors stehen.

Um diesen Turm hat sich vor dem 13. August kaum jemand in Berlin gekümmert. Seit diesem Tage aber bezogen dort Volkspolizisten Quartier. Sie malten in großen Buchstaben „DDR“ an den Turm und hißten die Fahne der FDJ.

Damit begann eine Geschichte, die zeigt, wie schwierig es in West-Berlin ist, einen Kompetenzstreit beizulegen.

Zunächst einmal wurden die westalliierten Stellen in Berlin informiert. Diese wiederum fragten die französische Schutzmacht, in deren Sektor der Turm steht. Der West-Berliner Senat bat die Franzosen, „besondere Schritte einleitet, zu wollen“. Die Franzosen antworteten, daß sie allein nichts unternehmen könnten, da dies auch ein Fall für die Amerikaner und die Briten sei.

Erfolglos, nichts geschah! Erneute Anfrage bei der französischen Schutzmacht. Wiederum ohne Erfolg. So steht noch immer auf dem Wasserturm „DDR“, und noch immer weht die Flagge der FDJ im – anerkannt – französischen Sektor.

Kleinigkeiten? Man fürchtet in Berlin, daß sie Größeres ankündigen können. Zuerst regt sich alles auf. Dann Ruhe und Gleichgültigkeit bei den kompetenten Stellen. Dann die übliche Stille. Plötzlich großes Jubelgeschrei im ostzonalen Rundfunk und in den Zeitungen der „DDR“. Man hat den Beweis geliefert, daß über Westberlin unangetastet eine „DDR“-Fahne wehen kann.