Das Haus Nr. 30 der Siedlung "Am Strücken" im waldigen Volmetal bei Schalksmühle im Sauerland steht noch im Rohbau, obwohl vier Familien bereits darin wohnen. Ihr Bauherr hat das günstige Angebot des Landes Nordrhein-Westfalen angenommen, je Wohnung ein zinsfreies Darlehen von 10 000 DM mit einprozentiger Amortisation zu gewähren. Denn: das Land hat in den Haushalten von 1960 und 1961 6,2 Mill. DM zur Finanzierung von 620 Wohnungen und Eigenheimen für Inhaber von Bergmannsversorgungsscheinen zur Verfügung gestellt. Und jene vier Familien sind die ersten, die nun auf Grund dieses Programms aus dem staubbedeckten Ruhrgebiet ins herrlich gelegene Volmetal bei Schalksmühle übersiedelten. Sie hatten einen solchen Versorgungsschein.

Dieser Schein war Anfang 1948 von der Besatzungsmacht als Anreiz für den Bergmannsberuf gedacht worden. Die Kohle war knapp, die Arbeitslust in jenen Jahren nicht sehr groß. Rund 34 000 Bergleute haben seitdem, einen Versorgungsschein erhalten. Aber nur noch 18 000 davon sind im Bergbau tätig, 11 000 schieden durch Invalidität oder durch Tod aus, 5000 wechselten den Beruf.

Heute ist es genau umgekehrt. Zechen werden stillgelegt. Bergleute müssen in andere Berufe vermittelt werden. Und ältere oder berufskranke Bergleute haben es schwer, sich einem neuen Arbeitsplatz anzupassen. Manche arbeiten über Tage. Aber vielen – an hohe Löhne gewöhnt – ist dort die Lohntüte zu mager. Sie wandern in andere Berufe ab. Dann kündigt die Zechenverwaltung meistens die zecheneigene Wohnung.

Um diesen Bergleuten nun Ersatzwohnungen zu schaffen, hat das Land Nordrhein-Westfalen jene 6,2 Millionen Mark bereitgestellt. Die Wohnungen werden in Gegenden gebaut, die sowohl Arbeitsplätze für die ehemaligen Kumpel wie auch Erholung für Berufskranke bieten. Projekt Schalksmühle im schönen Volmetal wurde zuerst fertig. Andere entstehen in Pulheim bei Köln, in der Sennestadt, in Lüdenscheid, Kierspe, Hattingen und anderen Orten. Aber schon die ersten vier umgesiedelten Bergarbeiterfamilien sind sehr unzufrieden.

Im dritten Stock wohnt die Familie Johannes Cserni. Herr Cserni ist seit 1956 bergbauuntauglich – wegen Staublungengefahr. "In Castrop-Rauxel habe ich rund 50 Mark Miete gezahlt", erzählt er. "Und hier muß ich mit allem Drum und Dran 141,90 Mark aufbringen." Mit "Drum und Dran" meint der Bergmann Cserni die 3 DM monatlich für Waschmaschinenbeteiligung, 3 DM für die gemeinsame Fernsehantenne, 3,20 DM für die Müllabfuhr, 3 DM für den Warmwasserboiler (18 Kilowatt je Stunde!), 4 DM Wassergeld, 16 DM für die Monatskarte des Sohnes, der einen dreiviertel Stunde langen Schulweg hat...

Er zeigt mir einen Absatz des "vorläufigen Mietvertrages": "Gefäße hat der Mieter auf seine Kosten zu beschaffen." Mit Gefäße meint man hier Aschkübel. Er kostet 16 DM. Und: "Die Einbauschränke werden zu einem späteren Zeitpunkt in Rechnung gestellt werden."

"Ausgaben über Ausgaben", klagt auch Frau Cserni. Ihr Mann erinnert an die Lebenshaltungskosten. "Brot kostet hier 1,50 DM, bei uns zu Hause in Castrop-Rauxel 1,35 DM. Die billigste Butter ist hier 20 Pfennig teurer; für Marmelade muß ich 1,28 DM bezahlen; in Castrop bekam ich das Glas schon für 90 Pfennige." Sie haben auch nach dem Grund der Verteuerung geforscht. Man sagte ihnen, der Umschlagplatz für die Waren läge im Ruhrgebiet und so seien die Waren, wenn sie hier ankämen, eben teurer...