Die Sowjetunion wolle keinen Atomkrieg, aber sie fürchte ihn auch nicht, denn auf jeden Fall werde das „sozialistische Lager“ Sieger bleiben – auf diesen Nenner hat Marschall Malinowski beim XXII. Parteitag die militärische Doktrin des Kremls gebracht.

Es wäre schlimm, wenn der Marschall und Verteidigungsminister Chruschtschows diese simple Formel wirklich für gültig hielte. Er müßte längst wissen, daß es in einem mit atomaren Vernichtungsmitteln geführten künftigen Kriege keinen Sieger geben wird, sondern nur noch Besiegte inmitten einer in Schutt und Asche verwandelten Welt – auch auf sowjetischer Seite. Daß die Russen heute Amerika in radioaktive Trümmer legen können, bedeutet noch lange nicht, daß die Vereinigten Staaten nicht imstande wären, ihrerseits auch die Sowjetunion zu verwüsten.

Der stellvertretende amerikanische Verteidigungsminister Roswell Gilpatric hat den Kremlführern die unveränderte Gleichung des Schreckens cm vergangenen Sonnabend ruhig, aber entschlossen wieder ins Gedächtnis gerufen. Die Vereinigten Staaten besäßen, so sagte er, zig-Tausende von taktischen und strategischen Atomwaffen; von diesen würden selbst einen sowjetischen Überraschungsangriff so viele überstehen, daß Rußland noch im „zweiten Schlag“ völlig zerstört werden könnte.

Das Vergeltungspotential der USA, so sagte Gilpatric weiter, wäre selbst nach einem Angriff noch immer mindestens so groß wie das gesamte atomare Offensivpotential der Sowjets. Nach Ansicht westlicher Wissenschaftler beläuft sich die Sprengkraft aller auf der Welt gegenwärtig vorhandenen Atomwaffen auf 55 Kilomegatonnen herkömmlichen Dynamits (1 Kilomegatonne = 1000 Millionen Tonnen TNT). Manche glauben, daß das amerikanische Kernwaffenarsenal achtmal größer ist als das der Sowjets: Die USA könnten binnen vierundzwanzig Stunden 18 bis 20 Kilomegatonnen einsetzen. Hinzu kommt, daß sich die Raketenlücke allmählich schließt. Derzeit stehen 36 Atlas-Raketen in Amerika einsatzbereit auf den Abschußrampen, außerdem sind sechs Atom-U-Boote mit zusammen 96 Polaris-Raketen auf Gefechtsstation in der Nähe der sowjetischen Küsten. Schließlich kann der Kreml die Batterien der Mittelstreckenraketen und die 1500 Fernbomber des strategischen Luftkommandos auch heute noch nicht einfach ignorieren.

Mögen die Sowjets jetzt in brutaler Mißachtung der Weltmeinung noch so viele Monster-Bomben zünden – eine entscheidende Überlegenheit über die Amerikaner werden sie damit nicht erreichen. Eine solche Überlegenheit wird den Atomgiganten vorläufig versagt bleiben. Beide können das Land des Gegners mehrmals vernichten, und dies wird sich nicht ändern, ehe nicht einem von ihnen der große „Durchbruch“ bei der Herstellung von Anti-Raketenwaffen gelingt. Das hat wohl noch Weile, und so haben beide Supermächte allen Grund, den Krieg zu fürchten – auch die Sowjets. Th. S.