Andererseits gibt es offensichtlich auch Widerstände gegen die neue Linie in der sowjetischen Nationalitätenpolitik, vor allem gegen die im Parteiprogramm aufgenommene These über die zukünftige Verschmelzung aller Völker der Sowjetunion – eine höfliche Umschreibung für die Russifizierung der nichtrussischen Gebiete. Chruschtschow setzte sich in aller Schärfe mit jenen auseinander, „die darüber jammern, daß sich die nationalen Unterschiede verwischen“. Ihnen erklärte er kurz und bündig: „Man muß mit der ganzen bolschewistischen Unversöhnlichkeit sogar die kleinsten Erscheinungen der nationalen Überreste ausmerzen.“

Sicherlich sind diese Bemerkungen auf den ersten Blick nicht so sensationell, wie die scharfen Angriffe gegen die „Parteifeinde“ und die öffentlichen Anklagen gegen die albanischen Parteiführer. Aber in der sowjetischen Entwicklung hat es schon öfters Beispiele dafür gegeben, daß sich hinter kleinen Bemerkungen gegen „einzelne Genossen“ ernst zu nehmende Auseinandersetzungen im Parteiapparat verbergen. Die Erklärung Chruschtschows, seit 1956 seien „aus verschiedenen Gründen“ 200 000 Personen aus der Partei ausgeschlossen worden, bietet dafür ein beredtes Beispiel,

Die ersten Tage des Moskauer Parteikongresses haben gezeigt, daß die Zeiten der Stalin-Ära mit ihrer absoluten Unterordnung, mit Ja-Sagen und Beifallklatschen mehr und mehr der Vergangenheit angehören. Das propagandistische Bestreben, einen Demonstrationskongreß der „Einheit“ und der „Stärke“, des „zukunftsfreudigen Wegs zum Kommunismus“ zu veranstalten, ist mißlungen. Die Wiederaufrollung des Stalin-Problems wird bei Millionen von Menschen, auch bei sehr vielen Parteimitgliedern und Funktionären, wieder alte Wunden aufreißen. Sie ruft halb verschüttete Erinnerungen wach und mag den Anstoß für kritisches Nachdenken geben – nicht nur über die jetzt angeklagten „Parteifeinde“, die früher Jahre und Jahrzehnte die umjubelten Führer der Sowjetunion waren, sondern über das ganze System. Das Problem des Stalinismus ist viel zu ernst und tiefgreifend, als daß es möglich wäre, es auf die Dauer nur für eine vorübergehende taktische Kampagne gegen einige „Parteifeinde“ zu benutzen.

Der öffentliche Konflikt Moskaus mit Albanien und der viel ernstere, schwelende Widerspruch zwischen der Sowjetunion und China zeigen, daß auch die „monolithische Einheit“ des Ostblocks der Vergangenheit angehört. Nach dem Bruch Jugoslawiens mit dem Ostblock im Sommer 1948 dürfte sich jetzt auf dem XXII. Parteitag ein neuer und vielleicht noch tieferer Riß aufgetan haben.

Die zur Schau gestellte Einheit wird immer mehr zur Fassade. Immer deutlicher treten die drei Zentren des Weltkommunismus hervor. Je heftiger aber die Auseinandersetzungen innerhalb des Ostblocks und der kommunistischen Weltbewegung werden, um so größer wird die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der einzelnen Teilstaaten und der einzelnen Kommunistischen Parteien. Die große Differenzierung, die Desintegration des Weltkommunismus hat begonnen.