Unter "Parteifeinden" versteht man in der Sowjetunion die inzwischen gestürzten Widersacher Chruschtschows in der Kremlführung — Malenkow, Molotow, Kaganowitsch, Brilganin, Perwuchin und Saburow —, die zwar längst aus den entscheidenden Machtgremien entfernt sind, jedoch immer noch der Partei angehören. Jetzt schien für Chruschtschow die Zeit gekommen, aufs neue zur Offensive gegen sie überzugehen. Dabei geht es nicht mehr darum, daß sie in den Jahren 1953 bis 1957 in der einen oder anderen Frage eine andere Meinung als Chruschtschow vertreten haben. Der Hauptanklagepunkt lautet: Stalinismus. Nach Chruschtschows Darstellung haben sich die Beschuldigten der Entstalinisierung widersetzt und die Verurteilung des Machtmißbrauchs unter Stalin und die Ermittlung der an den Repressalien Schuldigen verhindern wollen. Diese Haltung sei "nicht zufällig" gewesen: "Sie tragen die persönliche Verantwortung für viele Massenrepressalien gegen Partei, Verwaltung , Wirtschafts, Militär- und Komsomol Funktionäre sowie für andere Erscheinungen dieser Art, die es in der Periode des Personenkults gab " Eine besondere Note erhielt die Attacke wider die "Parteifeinde" durch die heftigen Beschuldigungen gegen den 80jährigen Bürgerkriegsveteranen und langjährigen sowjetischen Staatspräsidenten Kliment Woroschilow. Noch am Dienstag, zu Beginn des Parteitages, war Woroschilow in das Präsidium des Kongresses gewählt worden. Auf der Tribüne, vor den Augen der 5000 Teilnehmer, mußte er sich nun anhören, in der "parteifeindlichen Gruppe" mitgewirkt und sich der Kritik an Stalin widersetzt zu haben.

Für die meisten Funktionäre des sowjetischen Parteiapparates kam die neue Deklarierung Woroschilows zum "Parteifeind" nicht überraschend. Schon seit 1958 raunte man in sowjetischen Parteikreisen, Woroschilow habe sich in den dramatischen Junitagen 1957 bei der Auseinandersetzung zwischen der "parteifeindlichen" Mehrheit und der Chruschtschowschen Minderheit "nicht richtig verhalten Auch in der im Oktober 1959 veröffentlichten neuen Parteigeschichte wurde Woroschilow nicht mehr so positiv erwähnt wie früher. Im Mai 1960 müßte er die Funktionen des Staatspräsidenten an Breschnew abtreten, im Juli 1960 wurde er "auf eigenen Wunsch" aus dem Parteipräsidium entlassen.

Die öffentlichen Angriffe gegen Worosehilow, das älteste Parteimitglied in der Kremlführung, und seine Abstempelung zum "Parteifeind" läßt nun auch den letzten Sowjetbürger die wihre Situation der Sowjetführung im Juni 1957 begreifen. Von den elf Kremlführern standen damals sieben gegen Chruschtschow: Malenkow, Molotow, Kaganowitsch, Bulganin, Woroschilow, Perivuchin und Saburow; Chruschtschow konnte sich in jenen kritischen Tagen dagegen nur auf drei Verbündete stützen: Mikojan, Suslow und Kiritschenko, der Anfang 1960 aller seiner Posten enthoben wurde. Die letzte Parteigruppe des letzten Dorfes ist nun darüber informiert, welche gefährlichen Klippen der gegenwärtige Parteiführer auf seinem Wege zur Macht umschiffen mußte und wie hart und schärf die Auseinandersetzungen sind, die sich hinter der angeblich "monolithischen Einheit" der Sowjetführung im Kreml verbergen. Chruschtschow hat dieses Risiko offensichtlich in Kauf genommen, weil ihm daran liegt, die gestürzten "Parteifeinde" nun auch aus der Partei auszuschließen; vielleicht Werden sogar einige von Aera vor Gericht gestellt. Ob dabei das politischpsychologische Ziel, zwischen dem Chruschtschowismus und dem Stalinismus einen deutlichen Trennungsstrich zu ziehen, oder praktische machtpolitische Erwägungen im Vordergrund stehen, läßt sich heute allerdings noch nicht sagen. Sicher dagegen ist eines: Die Anklagen gegen die "Parteifeinde" in den ersten Diskussionsreden übersteigen alles bisher Dagewesene und bedeuten — gewollt oder ungewollt — eine Abrechnung mit der stalinistischen Vergangenheit, die nur noch mit dem Geheimreferat Chruschtschows auf dem XX. Parteitag zu vergleichen ist. So berichtete der Leningrader Parteisekretär Spiridonow, daß in den Jahren der großen Säuberung (1936—1938) auf Veranlassung Malenkows Tausende ehrlicher und anständiger Menschen grausamen Verfolgungen ausgesetzt waren und 1949, während der "Leningrader Affäre", neue Verfolgungen über unschuldige Menschen hereinbrachen.

Der belorussische Parteisekretär Masurow erinnerte daran, daß Malenkow unter dem Vorwand, eine angeblich "anti sowjetische Untergrundbewegung" zu unterdrücken, mehr als die Hälfte aller Parteimitglieder Belo Rußlands ungerechtfertigt