Unter diesen Bedingungen der verbitterten innenpolitischen Auseinandersetzung in der Sowjetunion und des Dreieck-Kampfes innerhalb des Ostblocks haben die außenpolitischen Erklärungen Chruschtschows auf dem Parteikongreß weniger Aufmerksamkeit gefunden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Zum x-ten Male wiederholte der sowjetische Parteiführer, daß ein deutscher Friedensvertrag unterzeichnet, Westberlin eine entmilitarisierte freie Stadt und alle Organe der UNO nach dem Troika-System reorganisiert werden müßten. Fast nebenbei erwähnte er den Wunsch nach einer atomwaffenfreien Zone in Europa und dem Fernen Osten, einen Nichtangriffspakt zwischen dem Ostblock und den NATO-Staaten (die Chruschtschow als „Länder des Nord-Atlantik-Kriegsblocks“ bezeichnete) sowie eine Zone des Auseinanderrückens der Streitkräfte. Neu war lediglich der Hinweis, daß die Sowjetunion, obwohl sie auch jetzt an einer raschen Lösung der deutschen Frage interessiert sei, nicht darauf bestehen wird, „den Friedensvertrag unbedingt bis zum 31. Dezember 1961 zu unterzeichnen“.

Dieses Teilzugeständnis und andere friedfertige und koexistenzfreudige Erklärungen wurden jedoch leider überdeckt von den drohenden Hinweisen auf die militärische Stärke der Sowjetunion. Chruschtschow rühmte die neuen Raketen mit einer Reichweite von mehr als 12 000 Kilometern, die mit Genauigkeit das Zielgebiet erreichen, und die sowjetische Unterseebootflotte, die mit ballistischen und zielsuchenden Raketen ausgerüstet sei. Er erklärte, die Atomwaffenversuche würden bis Ende Oktober fortgesetzt. Den Abschluß dieser „Versuchsreihe“ soll die Explosion einer Wasserstoffbombe von 50 Megatonnen Sprengkraft bilden, wodurch zugleich die Zündvorrichtung für die 100 Megatonnen Bombe erprobt werden soll. „Gebe Gott, daß wir diese Bombe niemals über irgendeinem Gebiet zünden müssen“, war der Kommentar, den der atheistische Parteiführer dazu fand.

Chruschtschow rief aber nicht nur Gott an, sondern bemühte auch den Vergleich mit dem Teufel. Dieser Vergleich galt seinem Erzfeind, den „konservativen“ Wirtschaftlern und Technikern, die nach seiner Auffassung den wirtschaftlichen Fortschritt der Sowjetunion in erster Linie behindern: „Die Konservativen klammern sich auch noch in einigen anderen Zweigen der Volkswirtschaft an das Alte wie der Teufel an die sündige Seele.“ Immer wieder forderte Chruschtschow dazu auf, diese „Konservativen“ aus dem Wirtschaftsprozeß auszuscheiden; sie hält er für das entscheidende Hemmnis bei der Verwirklichung seiner großen Ziele.

Bis 1970 soll die Sowjetunion die größte Industriemacht der Welt werden und die USA in der Industrieproduktion je Kopf der Bevölkerung „einholen und überholen“. Bis 1980 soll der Wohnungsbau auf das Dreifache, die Erzeugung von Kleidung und Schuhwerk auf das 3,5fache, die Möbelproduktion auf das Sechs- bis Achtfache und der Ausstoß der chemischen Industrie auf das Siebzehnfache gesteigert werden. 1980 soll die Sowjetunion zweimal soviel Industriegüter und eineinhalbmal soviel Elektroenergie erzeugen wie gegenwärtig alle nichtkommunistischen Länder der Erde zusammen; der gesamte Ostblock soll bis 1980 zwei Drittel des Welt-Industrie-Potentials aufbringen.

Die Unmöglichkeit, diese hohen Planzahlen in so kurzer Frist zu erreichen, ist von objektiven Sachkennern der Sowjetwirtschaft schon häufig erörtert worden. Zweifellos gibt es auch in der Sowjetunion ernst zu nehmende Wirtschaftler, die die Planzahlen als zu hoch ansehen und für „Realismus in der Wirtschaft“ plädieren. Andererseits aber – und dies ist wahrhaft sensationell – mußte Chruschtschow mehrere Male gegen Leute polemisieren, denen die Planzahlen nicht hoch genug waren.

So griff er „einige Genossen“ an, weil sie die Meinung vertreten hatten, man könne den Kommunismus nicht erst 1980 erreichen, sondern bereits bedeutend früher. „Einzelne Genossen“ hätten auch vorgeschlagen, die Planzahlen noch beträchtlich zu erhöhen. Andere wollten auf die kostenlose Verteilung der Güter ebenfalls nicht bis 1980 warten und schon vorher das Geld und die Arbeitsentlohnung abschaffen. „Einzelne Genossen“ hätten auch die Meinung vertreten, die vollständige Elektrifizierung in der Sowjetunion könne bereits in den nächsten zehn oder sogar fünf Jahren (statt bis 1980) abgeschlossen sein; andere wollten den Kolchoshandel verbieten oder den allgemeinen Handel durch direkten Güteraustausch ersetzen.

Auch auf anderen Gebieten wollten „einzelne Genossen“ weiter vorpreschen, als es Chruschtschow genehm schien. So mußte er sich gegen manche Übereifrigen wenden, die im Kommunismus die Familie abschaffen wollten. Er versprach vor dem Kongreß, die Familie werde im Kommunismus nicht nur erhalten bleiben, sondern sogar noch größere Funktionen und Bedeutung erlangen.