Von Thomas Regau

Wer heute von Regeneration spricht, erweckt leicht falsche Vorstellungen. Heimlich träumen wir noch von Altweibermühlen und Jungbrunnen, wie sie Lucas Cranach und Hans Sebald Beham gemalt haben. Dabei wissen wir doch längst, daß es um die Regenerationskraft des menschlichen Organismus nicht gut bestellt ist. Sogar Nägel und Haare, die nach dem Lehrbuch dazu verpflichtet sind, sich zu erneuern, wachsen nicht immer nach.

Andere Lebewesen haben es besser. Den Eidechsen in unserem Terrarium wächst der abgerissene Schwanz wieder nach, im Innern zwar nur mit einem Knorpelstäbchen anstelle der früheren Wirbelchen, aber äußerlich vom alten Schwanz kaum zu unterscheiden. Es gibt Fische, die verlorene Flossen, Insekten, die verlorene Fühler und Beine neu bilden, Strudelwürmer, die gar einen neuen Kopf, Amphibien, die neue Augen hervorbringen, noch dazu aus einem anderen Keimblatt als während der embryonalen Entwicklung. Freilich, ein alter Fisch läßt sich dazu zuweilen jahrelang Zeit, und ein Krebs setzt an die Stelle der ausgebrochenen Schere zuerst ein winziges Scherchen, das gemächlich mit jeder Häutung ein Stückchen weiterwächst.

Manchmal gibt es auch Überraschungen, wenn der Stabheuschrecke anstelle eines Fühlers ein Beinchen sprießt. Physiologen und Entwicklungsmechaniker wissen heute recht gut, daß die zunächst unorientierten Zellen des Regenerats vom Nervensystem des Stumpfes beeinflußt und aktiviert werden, daß aber die wichtigsten „Entwicklungsfaktoren“ im neuen Teil selbst sind. Selbstverständlich hat der Mensch herausgebracht, wie er die Regeneration – in ihren Anfangsstadien – störer kann (bis zu Verdoppelungen und Mehr Fachbildungen).

Gegenüber den „niederen“ Tieren er scheinen die regenerativen Kräfte des Menschen und des Säugetieres gering. Sie sind indes noch erstaunlich genug: Knochen bilden sich neu nach einer Fraktur, nach einem großen Blutverlust bildet sich neues Blut, die Kapillaren sprießen zu einem neuen Blutgefäß aus, die Lymphgefäße regenerieren sich, ebenso das Haut- und Schleimhautepithel. Selbst Leberzellen und Gallengänge können von einer gesunden Leber wieder ersetzt werden.

Die Regeneration hängt von der Größe des Defektes ab, aber auch vom Alter des Menschen und von der Art der zerstörten Gewebe. Je höher spezialisiert die Zellen sind, umso geringer ist ihre Regenerationskraft. Sie ist noch verhältnismäßig groß bei den peripheren Nerven. Werden zum Beispiel die Arm- oder Beinnerven verletzt, so können sie, wenn sie nicht ganz durchtrennt und auseinandergeschnellt sind, wieder heilen. Die Enden wachsen freilich nicht einfach zusammen; vielmehr wachsen neue Nervenfasern aus dem rückenmarksnäheren Nervenstück in die alte Bahn des pheripheren Nervenstückes hinein. Je besser die Nervenenden aneinanderliegen, desto leichter finden die Regenerationsfasern ihr Ziel. Die operative Nervennaht, die im letzten Kriege perfektioniert wurde, strebt die möglichst exakte Vereinigung der getrennten Nerventeile an. Trotzdem verfällt das periphere Nervenstück zunächst der Degeneration. Es wird von oben her und gleichsam von innen dann neu gebildet. Ja, selbst die beiden feindlichen Brüder unseres vegetativen Nervensystems, Vagus und Sympathicus, hat man schon um die Jahrhundertwende miteinander vernäht und verheilt.

Die fast wunderbare Regeneration peripherer Nerven, die zum Beispiel gelähmte Finger wieder beweglich machen kann, fehlt dem Hirn- und Rückenmarksgewebe scheinbar vollkommen. Im zentralen Nervensystem gibt es keine Regeneration: so wurde es auf den Hochschulen gelehrt und so steht es in vielen Büchern noch heute. Allerdings wußten die Eingeweihten schon seit den berühmten Experimenten von Max Borst (1904), daß dieser Lehrsatz nicht mehr ganz stimmte. Borsts Experimente hatten erwiesen, daß es auch im Gehirn regenerative Vorgänge gibt, zwar keinen Ersatz untergegangener Nervenzellen, aber eine Neubildung von Nervenfasern. Der Unterschied ist wichtig, denn, streng definiert, soll man von Regeneration nur dann sprechen, wenn Form, Struktur und Funktion des spezifischen Gewebes wiederhergestellt werden, also Leberzellen wieder durch Leberzellen, Knorpel durch Knorpel, Muskel durch neue Muskel ersetzt werden.