R. B., Berlin, im Oktober

Die Amerikaner erzwangen am Sonntagabend zum erstenmal seit dem 13. August den unkontrollierten Durchlaß durch die Ulbricht-Mauer. Hauptakteure dieses Schauspiels in der zweigeteilten Stadt waren der Stellvertretende Chef der US-Mission, Allan Lightner, und ein Leutnant der amerikanischen Militärpolizei, der mit acht Mann in den Sowjetsektor marschierte.

Der Ort der Handlung war der Ausländer-Übergang an der Sektorengrenze. Er liegt genau an der Kreuzung Friedrichstraße/Zimmerstraße, in der alten, durch Kriegsverwüstungen verödeten Berliner City. Die beiden nach Norden gelegenen Straßenecken gehören zum Osten, die beiden südlichen zum Westen. Die Sektorengrenze führt an der südlichen Häuserflucht entlang, aber Ulbrichts „rote Mauer“ steht auf dem Fahrdamm der Zimmerstraße, so daß die Westberliner ihre Häuser noch verlassen können. Zwar betreten sie dabei den zum Osten gehörenden Bürgersteig, bleiben aber immer noch diesseits der Mauer. Mitten in der Friedrichstraße haben die SED-Behörden den Grenzübergang für Ausländer eingerichtet.

Im östlichen Bereich ist die Lücke in der Betonmauer mit Zickzack-Barrieren so verstellt, daß Autos nur in langsamer Slalomfahrt passieren können. Im Westen steht eine weiß gestrichene, mit Sandsäcken gesicherte Holzbude mitten auf dem Damm. In dieser Bude und in einem früheren Radiogeschäft haben sich die Amerikaner eingerichtet. Das Ganze heißt: „Checkpoint Charly“. Genau gegenüber liegt das „Café Köln“, wo die rothaarige Anneliese Raum, eine clevere Berliner Wirtin aus Westfalen, die Journalisten betreut. Sie kommen jeden Sonntag, denn sonntags machen sich die Volkspolizisten besonders gern den Spaß, Amerikaner zu kontrollieren.

Und so stehen die Amerikaner jeden Sonntag vor der Frage: „Wer fährt hinüber?“ Eine Woche vor Lightners Ausflug waren mehrere amerikanische Zivilisten unterwegs gewesen. Volkspolizisten hatten sie gestoppt, ein unbewaffneter Leutnant der US-Army steuerte sie wieder heraus. Am Abend war dann der Sonderbeauftragte Kennedys, General Clay, in Begleitung des amerikanischen Stadtkommandanten Watson in den Ostsektor gefahren. Er blieb unbehelligt.

Lightner, stellvertretender US-Missionschef (nomineller Chef ist der amerikanische Botschafter in Bonn, Dowling) und politischer Berater des amerikanischen Stadtkommandanten, entschloß sich, die Sache ganz privat zu machen. Er wollte, begleitet von seiner Frau, eine Aufführung von „Leonce und Lena“ in der Linden-Oper besuchen. Als Fahrzeug wählte er einen Volkswagen. Punkt 19.15 Uhr passierte der US-Diplomat „checkpoint Charly Es dauerte nicht lange, und er war wieder zurück. Er hatte sich von der Vopo nicht kontrollieren lassen, und die Vopo ließ ihn ohne Kontrolle nicht durch. Nach einem kurzen Telephonat startete Lightner zum zweitenmal.

Wieder wurde er von den Vopos gestoppt, und dann rollte das Programm mit der Militärpolizei ab. Ein US-Leutnant und acht Mann marschierten mit entsicherten Maschinenpistolen und aufgepflanztem Bajonett über die Demarkationslinie, während inzwischen der Stadtkommandant Panzer und Panzerfahrzeuge an der Sektorengrenze auffahren ließ.