Der negative Einfluß der Politik hat (vorübergehend?) nachgelassen. Die Aufhebung der zeitlichen Begrenzung des Berlin-Ultimatums auf dem sowjetischen Parteikongreß dürfte nach Meinung der Börse eine Atempause gewähren, die zu Verhandlungen genutzt werden könnte. In dieser Zeit rechnet man nicht mit unangenehmen Überraschungen. Gewisse Hoffnungen scheint man mit den Schwierigkeiten zu verknüpfen, die innerhalb des Ostblocks sichtbar geworden sind. Ob hier zu optimistisch gefolgert wird, bleibt abzuwarten. Immerhin hat die veränderte politische Lagebeurteilung zu einer allgemeinen Börsenbelebung geführt.

Die Kursbildung ist nicht mehr – wie in den Wochen zuvor – zufallsbedingt, sondern läßt bestimmte Tendenzen erkennen, die Beachtung verdienen, weil sie der veränderten Konjunkturlage Rechnung zu tragen suchen. Das Ausland konzentriert seine Käufe weiterhin auf wenige deutsche Aktien. Dabei ist die Bandbreite noch schmaler geworden, als sie es schon in Hausse-Zeiten des vergangenen Jahres war. Das Ausland hat ziemlich konsequent alle Papiere des Montanbereiches für „uninteressant“ erklärt. Man mag das schon daraus erkennen, daß sich die holländische Anlagegesellschaft Robeco von Mannesmann, Rheinstahl und Thyssen getrennt hat. Kaufenswert sind für das Ausland geblieben: AEG, Siemens, BASF, Bayer, Hoechst, RWE, Schering und VW-Aktien, wobei anzumerken wäre, daß die Ansichten über die Zukunft der VW-Aktien im In- und Ausland geteilt sind. Der durch die Verkäufe aus Kreisen der VW-Belegschaft hervorgerufene Kursdruck hat inzwischen nachgelassen. Auch die Verstimmung, die aus dem mit den VW-Sparern abgeschlossenen Vergleich resultierte, klingt ab. Nicht zuletzt deshalb, weil daran erinnert wurde, daß in der VW-Bilanz seit langem Rückstellungen enthalten sind, die dem Prozeßrisiko Rechnung trugen. Von den deutschen Bankaktien bevorzugt das Ausland die Papiere der Dresdner Bank, die deshalb gegenüber dem Kurs der Deutschen Bank einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen haben.

Das deutsche Publikum läßt ebenfalls eine gewisse Verlagerung seiner Käufe erkennen. In den Zeiten der Baisse hat es sich in durchaus richtiger Einschätzung der Situation vornehmlich den Standardaktien zugewandt, in der Erwartung, daß diese Papiere von den rückkehrenden Ausländern als erste nach oben getragen werden. Diese Pferde, so meint man, sind jetzt gelaufen, so daß man sich nun nach neuen „Rennern“ umsehen muß. Gesucht werden sie auf dem Gebiet der konsumnahen Wirtschaft. Im jüngsten Börsenbericht der Dresdner Bank AG, Hamburg, werden sie kurz und bündig „Wohlstandsaktien“ genannt.

Der Schwerpunkt der Konjunktur hat sich verschoben. Er zieht von den Investitionen in den Konsumgüterbereich. Die steigenden Masseneinkommen führen zu einem Mehrverbrauch an Kleidung. Bei den Nahrungsmitteln setzt sich die abgepackte und vorbereitete Ware durch. Das Fernsehen verändert die Lebensgewohnheiten. Es hat – so glaubt man erkennen zu können – den Bierkonsum angeregt. Der Haushalt wird qualitativ verbessert. Haushaltsmaschinen werden angeschafft. Die Porzellan-Umsätze steigen. Kein Wunder, wenn die Kaufhausaktien in jüngster Zeit wieder begehrt sind. Der Wohlstand aber will auch gesichert sein. Das merken vor allem die Lebensversicherungen, deren Geschäft trotz der ausgedehnten staatlichen Altersversorgung weiter wächst. Parallel dazu steigt auch das Interesse für Versicherungs-Aktien.

Neuerdings werden auch den Aktien der Bauunternehmen größere Chancen zugeschrieben. Die Baukonjunktur ist immer noch auf alter Höhe. Sie wird es in den nächsten drei bis vier Jahren mit ziemlicher Sicherheit bleiben. Die Preise werden durch die Auslandskonkurrenz kaum beeinträchtigt, so daß die Ertragslage gut sein muß. Erhebliche Kursgewinne erzielten in letzter Zeit viele der sogenannten „goldgeränderten“ Aktien. Dazu zählen Degussa und Metallgesellschaft. Von beiden Unternehmen erwartet man ausgezeichnete Abschlüsse. Der Degussa-Kurs litt lange Zeit unter den Abgaben von Verwertungsaktien, die jetzt untergebracht sein sollen. Der Kurs der Metallgesellschaft ist um mehr als 100 Punkte gestiegen. Dennoch werden dem Papier auf Grund der ausgezeichneten Ertragskraft des Unternehmens noch weitere Steigerungsmöglichkeiten nachgesagt.

Auf dem Rentenmarkt herrscht weiterhin Unsicherheit. Hier mangelt es an potenten Auslandskäufern, deren Rückkehr von der Bundesbank aus Zahlungsbilanzgründen nicht einmal gern gesehen würde. Sogenannte „höhere Gesichtspunkte“ haben bei den festverzinslichen Papieren den Marktmechanismus außer Kraft gesetzt. Die Industrie braucht langfristiges Kapital, um ihre kurzfristigen Schulden konsolidieren zu können. Während der Emissionspause ist manches Unternehmen gezwungen gewesen, Zwischenfinanzierungsmittel in Anspruch zu nehmen, soweit man nicht auf Schuldscheindarlehen zurückgreifen konnte. Die Gesellschaften sind bereit, jetzt Anleihen zu einem marktgerechten Zins, also zu 6 vH, aufzulegen. Bislang ist das diskret verhindert worden, weil die Bundesbank offenbar die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben hat, ihren Marsch auf den 5prozentigen Typ fortsetzen zu können. Kurt Wendt