Frankreichs Atomwirtschaft schickt sich an, im Wettbewerb um die friedliche Ausnutzung der Kernenergie zu den "Großen Drei" aufzuschließen. Dies jedenfalls war der Eindruck, den eine Gruppe westdeutscher Journalisten gewann, die dieser Tage auf Einladung des Commissariat a lEnergie Atomique (C. E. A ), des französischen Kommissariats für Atomenergie, jene Forschungszentren aufsuchten, die 1945 aus dem Nichts entstanden, heute bereits große internationale Anziehungskraft ausüben.

In der Bundesrepublik hat manvielerorts den atomaren Ehrgeiz Frankreichs erst registriert, als die Bomben in der Sahara explodierten. Aber diese militärischen Aspekte der Atomforschung sind jungen Datums, die friedlichen dagegen haben bereits eine Geschichte. Sie reicht bis in die Vorkriegszeit zurück und setzt nach fünfjähriger Unterbrechung am 18. Oktober 1945 neu ein. Damals beschloß die vorläufige Regierung de Gaulle die Gründung einer Atomenergiebehörde, um "das Land auf die Verwendung dieser Energieart auf den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, der Industrie und der Verteidigung vorzubereiten". Mit großer Zielstrebigkeit und Systematik begann man in den folgenden Jahren, Idie Voraussetzungen für diese Aufgabe zu schaffen, nämlich Wissenschaftler auszubilden und den Rohstoff Uran aufzubereiten.

Damals hatten die USA, England und Kanada auf fast alle Uran vorkommen der westlichen Welt ihre Hand gelegt, so daß sich Frankreich in völliger Abhängigkeit von diesen Rohstofflieferanten befand. Die bereits 1946 gebildeten Prospektierungsgruppen entdeckten jedoch Ende 1948 die ersten großen Vorkommen an Uranpechblenden auf französischem Boden und später andere auf Madagaskar. Heute steht Frankreich an der Spitze der westeuropäischen Uranerzeugung und sagt für 1962 eine Jahresförderung von 1600 Tonnen voraus. Infolgedessen deckt die staatliche Atomenergie Kommission C. E. A. 90 vH des französischen Bedarfs an radioaktiven Elementen und führt 30 vH der Produktion aus.

In zwei Fünf Jahresplänen begann dann im Jahre 1952 die nächste Etappe der französischen Atomforschung. Jetzt, am Ende dieser Etappe, verfügt sie über drei große Forschungs- und Entwicklungszentren in Saclay und Fontain aux Roses bei Paris sowie in Grenoble, während ein viertes bei Cadarache in Südfrankreich errichtet wird. 15 Atomreaktoren unterschiedlicher Größe sind zur Zeit zu Forschungs, Versuchs- und Materialprüfungszwecken m Betrieb, von denen die drei Reaktoren G l, G2, G3 in Marcoule Plutonium produzieren und nur nebenbei auch Elektrizität. Weitere zehn Reaktoren unterschiedlicher Konstruktion sind bis 1965 geplant.

Ein erster Reaktor der Electricite de France (E. D. F ), der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft, in Cbmon an der Loire (EDF 1), der als Prototyp ausschließlich der Stromerzeugung dient, soll in diesem Jahre kritisch werden. Es ist der Auftakt zu einem Serienversuch, dessen Schlußglied der Reaktor EDF 4 in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts sein wird. Die vier EDFTReaktoren sollen Aufschluß geben über die Wirtschaftlichkeit der Atomenergie, von der man nach letzten Äußerungen der französischen Wissenschaftler erwartet, daß sie in Frankreich etwa 1970 die Konkurrenz mit der Kohle und anderen Energieträgern aufnehmen kann.

Dieser relativ frühzeitige Termin erklärt sich aus den französischen Energiekosten, die wesentlich höher sind als etwa die amerikanischen. Zur Zeit verbraucht Frankreich jährlich etwa 70 Mrd kwh Elektrizität, von der etwa die Hälfte aus Wasserkraftwerken stammt. Die Möglichkeiten, die Wasserkraftausnutzung zu steigern, sind jedoch begrenzt. Man schätzt, daß die Erzeugung von Strom aus Wasserkraft sich 1975 auf 60 Mrd kwh belaufen wird, ein Restbedarf von 140 Mrd kwh jedoch durch Wärmekraftwerke geliefert werden müßte. Das wäre etwa das Sechsfache der heutigen Energieerzeugung der Wärmekraftwerke (1959: etwa 32 kwh), so daß Frankreich ohne Ausnutzung der Atomenergie immer größere Mengen an Energieträgern einführen müßte.

Die Planmäßigkeit, mit der man sich in Frankreich auf diesen Zeitpunkt vorbereitet, bezeugt aber nicht nur die Reihe der EDF Reaktoren, die mit natürlichem Uran, Graphit Moderator und Kohlendyoxydgas als Kühlmittel arbeiten, sondern auch die gleichzeitige Erprobung anderer Reaktorentypen, weil diese sich vielleicht als wirtschaftlicher erweisen könnten. So wird die staatliche Atomenergiekommission C. E. A in Zusammenarbeit mit der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft E. D. F in der Bretagne ein Versuchskraftwerk (EL 4 ) mit schwerem Wasser als Moderator errichten, und im R ahmen des Vertrages zwischen Euratom und den USA wird in Zusammenarbeit der französischen und belgischen Elektrizitätserzeuger ein weiteres Kraftwerk in den Ardennen gebaut werden, das mit angereichertem Uran nach amerikanischer Konstruktion arbeiten wird. Weitere Prototypen sind in dem neuen Forschungszentrum in Cadarache geplant, so der Schnellneutronen Reaktor "Rapsodie" (rapides Sodium), der unter anderem Studien für die Plutoniumbrennstoffe und die Natriumkühlung miteinbezieht sowie die Schwimmbad Reaktoren "Pegasus" in Cadarache und "Siloe" in Grenoble. Ein Prototyp, der den U Boot Antrieb erproben soll, ist für Cadarache vorgesehen.