Der Westen muß nicht nur geben, sondern auch, abnehmen

Von Günter Koch

Ort der Handlung: Ein kaum erschlossenes Urwaldgebiet eines jungen afrikanischen Staates. Sein Name spielt hier keine Rolle. Eine prächtige Villa bietet sich dem Blick des europäischen Besuchers dar. Er denkt an eine Fata Morgana, reibt sich die Augen. Aber nein, das Haus ist afrikanische Wirklichkeit. Er tritt näher, eine moderne Lautsprechanlage westdeutscher Produktion springt ihm ins Auge; im Innern modernste elektrische und sanitäre Installationen. Höchster Komfort, wo man nur hinschaut. Fernsehgerät, Kühltruhe, Klimaanlage, Telephon – alles ist da. Er dreht am Warmwasserhahn – nichts. Er bedient den Lichtschalter – Fehlanzeige. Es gibt ja hier auch gar keine Strom- und Wasserversorgung, was aber dem Stolz des farbigen Besitzers, es handelt sich um einen hohen politischen Funktionär, keinen Abbruch tut. Er braucht das alles auch gar nicht, denn er bewohnt eine Hütte im Garten. Die Villa dient nur der Repräsentation – und der Aufbewahrung seiner Schätze. Der Hauseigentümer führt seinen Gast hinaus, wo ein bis an die Zähne bewaffneter Diener eine Panzertür bewachte Dahinter liegen sie, die westlichen Hilfsgelder – in einem mit Kupfer ausgeschlagenen Tresorraum.

Das ist keine erfundene „Story“, sie ist sicher verbürgt und sie beleuchtet grell jene „Wende“ westlicher Entwicklungshilfepolitik, wie sie auf der jüngsten Wiener Tagung der Bretton-Woods-Institute eindringlich aufgezeigt wurde. Fehlgeleitete Hilfsmilliarden – die Korruption ist gewiß nur eines von vielen sehr nachdenklich stimmenden Symptomen – mahnen zur Neuorientierung der westlichen Hilfskonzeption und lassen zunehmend die Erkenntnis reifen, daß wohlverstandene Entwicklungshilfe nicht nur eine Sache des Geldgebern ist. Der im vorigen Jahr von Washington inszenierte Entwicklungshilfe-Milliardenrausch macht denn auch tatsächlich einer immer stärker werdenden Ernüchterung Platz.

Beruhigungs-Milliarden

Nur nicht in Bonn – so will es scheinen, dort kann man sich immer noch an stolzen Hilfsmilliarden begeistern, die ja auch so schön das eigene Gewissen beruhigen. Erst kürzlich veröffentlichte das Bundesfinanzministerium die finanzielle Entwicklungshilfebilanz für das 1. Halbjahr 1961, die sich wahrlich sehen lassen kann. Danach beliefen sich die finanziellen Leistungen der Bundesrepublik an die Entwicklungsländer (ohne Israel) in den ersten 6 Monaten 1961 auf 2,23 Mrd. DM, gegenüber 2,45 Mrd. DM im ganzen Jahre 1960. Da sich die Kreditzusagen bereits im August, des Jahres auf rund 5 Mrd. DM stellten, steht zu erwarten, daß bis Jahresende das finanzielle Vorjahresergebnis verdoppelt sein wird. Unzureichende finanzielle Anstrengungen sind der Bundesrepublik also schwerlich vorzuwerfen. Staatssekretär Westrick hatte zwar auf der März-Tagung der sogenannten Zehnmächtegruppe für Entwicklungshilfe 5 bundesdeutsche Entwicklungsmilliarden in Aussicht gestellt, aber wohlgemerkt für den Zeitraum bis Ende 1962.

Doch mit dem sich nun abzeichnenden finanziellen Übersoll der Bundesrepublik ist es; nicht getan. Um das zu verdeutlichen: Allein in einem einzigen Jahr, es war 1958, ermäßigten sich die Rohstoffpreise um rund 20 vH. Die Entwicklungsländer mußten dadurch einen Einnahmeverlust von schätzungsweise 5 Mrd. Dollar hinnehmen, der durch die westliche Entwicklungshilfe jenes Jahres (3 Mrd. Dollar) auch nicht einmal annähernd ausgeglichen wurde. In den Folgejahren sah es in dieser Beziehung nicht viel besser aus. Für die sich fortlaufend verteuernden lebensnotwendigen Industriegüterimporte müssen demgegenüber diese Länder immer höhere Beträge aufwenden. Mit anderen Worten: