Seit fünf Monaten schon liegt nun einer der größten deutschen Sportler im Krankenhaus: Martin Lauer. In den ersten Wochen nach seiner Einlieferung in eine Münchener Klinik beschäftigte sich die Öffentlichkeit noch mit seinem tragischen Geschick. Inzwischen ist es stiller um ihn geworden. Der Fall Lauer zeigte, wie eng Triumph und Tragik auch im Sport verknüpft sein können. Alle Gaben, geistige wie körperliche, schienen Lauer verliehen; der Erfolg flog ihm zu. Im Sport war er beinahe einmalig – Weltrekord über 110 m und 200 m Hürden, Goldmedaille in der 4 × 100 m Staffel, Deutscher Rekord im Zehnkampf usw. An seiner Technischen Hochschule legte Lauer zwischen Meisterschaft und Rekorden sein Vorexamen mit Auszeichnung ab. Doch im Olympiajahr 1960 warf ihn eine Verletzung zurück. In Rom lief er zwar in der Sprintstaffel als Schlußmann ein glänzendes Rennen. Aber in der kurzen Hürdenstrecke wurde er „nur“ Vierter. Der Trainingsverlust war bei dieser Präzisionsarbeit einfach nicht mehr wettzumachen.

Seine Verletzung am Sprunggelenk wollte sich inzwischen einfach nicht bessern. Sicher nicht, wie in Sensationsartikeln behauptet worden war, weil sein Training zur „Materialermüdung“ des Knochengewebes geführt habe, sondern wohl deshalb, weil heute die Spitzensportler ihre Verletzungen nicht immer durch Ruhe völlig ausheilen. Mit Hilfe entsprechender Injektionen trainieren sie weiter, statt zu pausieren. So auch Martin Lauer. Genau an dem Tage, an dem seine Sperre ablief, trat bald nach einer erneuten Injektion eine schwere Entzündung des Fußgelenks auf, die sich trotz bester ärztlicher Behandlung rasch weiter ausbreitete. Wochenlanges hohes Fieber schwächte den Weltrekordmann aufs schwerste, die Gefahr der Amputation des Unterschenkels schwebte über ihm. Inzwischen ist der Heilungsprozeß so weit fortgeschritten, daß Martin Lauer in die Nähe seiner Heimatstadt Köln verlegt werden konnte, die akute Gefahr ist gebannt, aber laufen wird Martin Lauer nie mehr können.

Eines hat er inzwischen erfahren: wie schnell Tagesruhm vergeht und wie Kameradschaft bestehen bleibt. Von allen Seiten aus den Kreisen des Sports sind Lauer namhafte Spendenbeträge zugeflossen, besonders, als bekannt wurde, wie hoch sich seine Krankenhausrechnung beläuft. Eine Zonenzeitung hatte geschrieben, am Fall Lauer sehe man es, wie der Bonner Staat seine besten Sportler im Unglück im Stich lasse, da schon die Kameraden sammeln müßten. Aber niemand hatte es ihnen befohlen, sie halfen spontan. A. M.