Welcher Segen ergießt sich doch über dieMenschheitaus der unermüdlichen Anstrengung erfinderischer Gehirne, den übrigen Gehirnen jede Anstrengung zu ersparen. Kaum haben wir Kenntnis genommen von dem elektronischen Reiseberatungs-Roboter, der auf sechs Angaben – gewünschte Entfernung, Größe des Urlaubsortes, Landschaftscharakter, Komfortansprüche, sportliche Interessen und Ruhe oder Geselligkeit – in Sekundenschnelle 500 Ferientips verabfolgt („ZuseZ 23“ heißt das Wunder; es wurde kürzlich auf der Hamburger Büro-Fachausstellung gezeigt), da kommt schon die Kunde von anderen ähnlichen Wohltaten. Ein Kaufhaus in Dallas (Texas) hat eine Geschenkwählmaschine für seine Kunden aufgestellt. Wer nicht weiß, was er irgendwem schenken soll, der braucht nur Alter, Geschlecht und Steckenpferd des lästigen Beschenkungsanwärters anzugeben, und schon antwortet die Maschine mit zehn erstklassigen Vorschlägen.

Aber noch viel herrlicher sind jene Homosapiens-Stellvertreter, die der amerikanische Designer Raymond Loewy zwar noch nicht vollendet, aber als „in Arbeit befindlich und demnächst praktikabel“ in Paris angekündigt hat: Es wird eine automatische Babyfüttermaschine sein, die beim Schreien des Säuglings sich von selbst einschaltet, ihm Nahrung zuführt und ihn nach erfolgter Atzung obendrein und ausgerechnet mit dem Wiegenlied von Brahms wieder den bewußten Armen des Morpheus überliefert. „Kleine Hilfsmittel, die das Leben erleichtern“, nennt der ingeniöse Urheber solcher Hexereien seine Geistesprodukte.

Aber denken wir einmal nach (solange es nicht anders geht, noch einmal mittels der altmodischen Gehirnverbindungen): Wozu wird das alles gut sein? Werden die Leute das Quantum Denkarbeit, das ihnen auf solche Weise abgenommen wird, besseren und produktiveren Dingen, werden sie die ersparte Mühe und Pflichtwaltung höheren Interessen zuwenden? Wer lacht da? Glaubt man nicht, daß ebenso, wie nicht mehr geübte Muskeln verkümmern, auch Hirnmasse und Denkfähigkeit allmählich einem unaufhaltsamen Schwund verfallen werden, wenn ihnen gerade die alltäglichen Anlässe – und unalltägliche kamen sowieso immer nur für wenige in Betracht – weggezaubert werden?

Allein, noch nicht einmal das ist wohl das Schlimmste dabei. Auch nicht das große Problem, was die Menschen eines Tages bloß tun werden, wenn ihnen zu tun nichts mehr übrigblieb. Nein, das Schrecklichste ist die Förderung der Lieblosigkeit, die als unausbleibliche Folge von „Erleichterungen“ vorauszusehen ist, die ja schon der Lieblosigkeit ihren Ursprung verdanken! Denn nur, wer keinen Ort, keine Gegend, kein Ziel überhaupt auf dieser Erde liebt, wird bei seinen Ferienreisen völlig ratlos sein; nur wer den Menschen, den er beschenken soll (oder will), nicht liebt, wird die Mühe scheuen, darüber nachzudenken, was denn wohl Freude bereiten könnte. Und von der Babyversorgungsmaschine wollen wir schweigen.

Es scheint eine ernsthafte Frage zu sein, ob-die Welt, je praktischer sie wird, nicht notwendig im gleichen Grade liebloser werden muß ... A-th