N.A., London, im Oktober

Im Foreign Office beginnt sich im Hinblick auf die Berlin-Krise eine Stimmung nüchternen Optimismus auszubreiten. Der Eindruck verstärkt sich, daß die beiden Supermächte ihre Propaganda-Munition erst einmal verschossen haben und daß die Wogen der moralischen Emotionen, die Englands Diplomaten stets als größere Gefahr für Frieden und Wohlstand empfunden haben als die Gammastrahlung, allmählich verebben. Whitehall hofft, daß jetzt der Weg zu harten, sachlichen Verhandlungen hinter den Kulissen frei ist.

Die Briten messen den Gesprächen, die die britischen und amerikanischen Botschafter in Moskau mit Außenminister Gromyko führen sollen, große Bedeutung bei. Man macht sich dabei in London keineswegs vor, daß diese „sondierenden“ Gespräche etwa zur Niederreißung von Ulbrichts Mauer führen könnten. Außerdem scheinen die Londoner Diplomaten sich darein zu schicken, daß die Abwanderung aus Berlin anhält und der wirtschaftliche Wohlstand der Stadt leidet. Doch glauben sie, daß die Sowjets jetzt bereit sind, den Druck auf Berlin zu verringern, wenn der Westen dafür der DDR ein bestimmtes Maß an symbolischer Anerkennung zugesteht.

Vier Anzeichen für eine Lockerung der sowjetischen Haltung werden dabei besonders beachtet: die Aufhebung des Ultimatums hinsichtlich des Zeitpunktes für den Abschluß eines Separatfriedensvertrages; die Tatsache, daß die Sowjets in privaten Gesprächen nicht mehr die vollständige Anerkennung der DDR verlangen; die Beobachtung, daß sie gegen eine weitere Anwesenheit der westlichen Garnisonen in Berlin keine großen. Einwände mehr erheben; schließlich Gromykos Andeutung, er wolle die Möglichkeit erwägen, den freien Zugang des Westens nach Berlin auch nach dem Abschluß eines Separatfriedensvertrags zu gestatten.

Im Grunde genommen sind die britischen Diplomaten denn auch gar nicht sehr böse auf de Gaulle, dessen Extratour das westliche Staatssekretärtreffen in London verhindert hat: sie meinen nämlich, daß Diplomatie auf hoher Ebene Berlin mehr schade als nütze. Allerdings mußten sie sowohl Paris als Bonn über den Inhalt der Instruktionen beruhigen, die sie Botschafter Sir Frank Roberts mit nach Moskau geben. Obwohl Whitehall noch immer großes Interesse an Disengagement-Plänen nach dem Muster Edens oder Rapackis hat, wird Sir Robert daher nichts Derartiges vorschlagen. Der Botschafter ist über die „deutschen und französischen Empfindungen eingehend unterrichtet worden“, wie im Foreign Office gesagt wurde.

Das Thema „entmilitarisierte Zone“ kann, so wird in London versichert, erst nach einer Berlin-Regelung und im Rahmen von Verhandlungen über die allgemeine Abrüstung zur Sprache gebracht werden. Diese Einstellung darf indes nicht darüber hinwegtäuschen, daß die britische öffentlichkeit nach wie vor an dem Disengagement-Gedanken außerordentlich interessiert ist. So hat der liberale Guardian erst Anfang dieser Woche wieder eine Politik des „Auseinander-Rückens“ empfohlen, als er schrieb, die einzige Möglichkeit, den Deutschen in der Sowjetzone zu helfen, läge nun darin, zielstrebig auf eine Rüstungskontrolle in Mitteleuropa hinzuweisen, die schließlich zum Disengagement führe.