London, im Oktober

Der Erfolg, den der gegenwärtige britische Außenminister Lord Home insbesondere in den Vereinigten Staaten genießt, rührt sicher zum guten Teil daher, daß er jenen Aristokraten, die in der Bildreklame für schottischen Whisky eine so große Rolle spielen, auf angenehme Weise ähnlich sieht. Ausländische Politiker und Diplomaten glauben seinen Typ zu kennen – und so fällt es ihnen nicht schwer, ihm zu vertrauen und mit ihm zusammenzuarbeiten. Wer aber die Weltpresse verfolgt, wird dort in letzter Zeit die Meinung vertreten finden, daß der Lord nicht nur charmant und zuverlässig, sondern zugleich auch einer der härtesten Staatsmänner des Westens sei. Wenn in Großbritannien und wenn in der Konservativen Partei die Neigung herrscht, ernsten Schwierigkeiten in der Berlin-Frage aus dem Wege zu gehen, so hat der Foreign Secretary damit gewiß nichts zu tun.

In seiner großen Rede vor dem Oberhaus erklärte der Lord in der vergangenen Woche zum Thema Berlin: „Jeder falsche Schritt, jeder kleinste Irrtum in der Nachrichtenübermittlung oder auch nur eine Fehleinschätzung können zum Kriege führen. Um die Russen davon zu überzeugen, haben Dean Rusk und ich solange mit Gromyko gesprochen. Auf der anderen Seite können wir nicht beiseitestehen, wenn die Freiheit von zweieinhalb Millionen Menschen bedroht ist. Wenn es zu Übergriffen kommt, müssen wir uns schon gegen des ersten Versuch hart zur Wehr setzen.“

Daß Lord Home neuerdings den Ruf genießt, ein starker und entschlossener Minister zu sein, das ist ein ganz und gar unerwarteter und fast grotesker Umschwung in der öffentlichen Meinung. Als er vor etwas mehr als einem Jahr zum Außenminister ernannt wurde, reagierte die britische Presse mit einem Aufschrei der Verblüffung und des Protestes. Es hieß, Macmillan wolle nun offenbar die Außenpolitik selber in die Hand nehmen. Und darum habe er einen Mann ins Foreign Office geholt, der nicht nur schwach, willfährig und ohne eigene politische Vorstellungen sei, sondern der sich darüber hinaus als Mitglied des Oberhauses den bohrenden Fragen des Unterhauses nicht zu stellen brauche.

Diese Kritik schien nicht so ganz aus der Luft gegriffen zu sein. Lord Homes bisherige Karriere war nicht gerade ruhmreich verlaufen. Zuletzt hatte er den – allerdings sehr schwierigen – Posten des Commonwealth-Ministers bekleidet. Und da waren nun selbst seine Parteifreunde der Meinung, er habe versagt, als es darum ging, dem Angriff fest entgegenzutreten, den Sir Roy Welensky, der Premierminister der Zentralafrikanischen Föderation, gegen die neue liberale britische Kolonialpolitik gestartet hatte.

Lord Home – oder mit vollem Namen: Alexander Frederick Douglas-Home – ist der vierzehnte Earl of Home Seine Familie besitzt seit Jahrhunderten große Ländereien an der schottischen Grenze; sie hat sich – gleichfalls durch Jahrhunderte – abwechselnd des Vertrauens und der Eifersucht des schottischen Königs erfreut. Der vierzehnte Earl wuchs auf in jener für die britische Aristokratie typischen Umgebung, in der man Charakter mehr schätzte als akademische Errungenschaften und wo Jagen und Fischen einer ernsthaften Konversation noch immer bei weitem vorgezogen wurden.

Nach einem nicht besonders erfolgreichen Studium in Oxford begann Home seine politische Laufbahn – ohne allzu große Passion. Politik war für ihn – wie es in seiner Klasse üblich ist – eben nur einer von mehreren möglichen Berufen. Er saß eine Zeitlang im Unterhaus, arbeitete als parlamentarischer Privatsekretär für mehrere Minister – zuletzt für den Premierminister Neville Chamberlain. In diese Zeit fällt denn auch das erste politisch wichtige Ereignis seiner Karriere. Es war bekannt, daß Lord Home 1938 Chamberlains Münchner Politik gegenüber Hitler entschieden und vorbehaltlos unterstützte. So galt er in England hinfort als ein „Mann von München“. Er hat auch später niemals öffentlich zugegeben, daß diese Politik falsch war.