Meine private Tragödie – bekannte Vladimir Nabokovist die, daß ich das mir zugehörige Idiom aufgeben mußte, meine ungezwungene, reiche und unendlich gefügige russische Sprache, um sie gegen eine zweitrangige Version der englischen Sprache einzutauschen. War es wirklich eine Tragödie? Im Widerspruch zu diesem Bekenntnis, das von Koketterie nicht ganz frei zu sein scheint, hat man eher den Eindruck, daß Nabokovs literarische Meisterschaft erst seit dem Jahre 1940 datiert – damals entschloß er sich, auf den englischen Sprachboden hinüberzuwechseln.

Jedenfalls haben zu dieser Vermutung seine in den letzten Jahren in Deutschland erschienenen Bücher Anlaß gegeben: die Romane „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ (1941), „Lolita“ (1955) und „Pnin“ (1957) ebenso wie ein aus dem Russischen übersetztes Buch „König, Dame, Bube“ (1928), das man uns hätte ersparen können. Doch muß es sich bei diesem Roman um ein flüchtiges Nebenwerk gehandelt haben, denn ein anderes Buch aus jenen Jahren, der 1930 geschriebene Roman „Lushins Verteidigung“ zeugt bereits von einem eigenwilligen erzählerischen Talent.

Manches hat dieses Buch mit späteren Werken Nabokovs gemeinsam. Wie alle seine Helden ist auch Lushin ein unglücklicher und einsamer Mensch, der einen stillen Privatkrieg mit dem feindseligen Leben führt. Wie Professor Pnin ist er ein komisch wirkender Kauz, ein schrullenhafter Sonderling, der sich der Umwelt nicht anpassen kann und daher nirgends seinen Platz findet. Wie der Dichter Sebastian Knight ist auch er ein weltfremder russischer Emigrant, der von einem geschäftstüchtigen Impresario ausgebeutet wird. Und obwohl in diesem Roman erotische Motive fast überhaupt keine Rolle spielen, scheint in einem gewissen Sinne zwischen Lushin und jenem Humbert Hümbert, der Lolita geliebt hat, eine nahe Verwandtschaft zu bestehen.

Der Held des „Lolita“-Romans ist in dem Käfig seiner pathologischen Leidenschaft zu Mädchen gefangen, die nicht einmal Backfische genannt werden können. Alle seine Gefühle, Gedanken und Handlungen werden durch diese Leidenschaft bestimmt, die schließlich auch jene Tat verursacht, die ihn ins Gefängnis bringt. Der Russe Lushin, der nach der Revolution vom Jahre 1917 seine Heimat verläßt, ist ebenfalls von einer einzigen übermächtigen Leidenschaft besessen: dem Schachspiel.

Da er sich sehr früh durch ungewöhnliches Schachtalent auszeichnet, wird seine Erziehung ganz und gar auf diese eine Begabung eingestellt. Sein Gefühlsleben, sein Intellekt und seine Fähigkeiten entfalten sich überhaupt nicht oder verkümmern schnell. Er reist von Ort zu Ort, triumphiert über seine Gegner, aber die Schachbretter verstellen ihm das Leben. Es wird von ihm kaum wahrgenommen. Je mehr sich diese Entfremdung vertieft, desto krampfhafter sucht er Schutz hinter den Gittern dieses unheimlichen Käfigs aus Schachbrettquadraten: In seinem Kopf jagen fortwährend Berechnungen und Kombinationen – bis die Bewußtseinsspaltung zum endgültigen Zusammenbruch seiner Persönlichkeit führt.

„Lushins Verteidigung“ ist also – wie „Lolita“ – das psychologische Porträt eines Monomanen und Zugleich – wie „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ – die Tragödie des Individuums, das mit Talent geschlagen wurde. Gewiß, der Nabokov von 1930 war diesem Thema noch nicht ganz gewachsen. Die Darstellung der Jugenderlebnisse Lushins wirkt konventionell, die Faszination, die er auf eine junge Exilrussin ausübt, wird vom Erzähler kaum beglaubigt, die effektvolle Charakterzeichnung steht hier und da mit der Wahrscheinlichkeit im Widerspruch. Doch nicht die Schwächen dieser Geschichte vom Menschen am Abgrund des Wahnsinns sind bemerkenswert, sondern jene Fragmente, die das Frühwerk zu einer beachtlichen Studie der Dämonie machen.

Übrigens ist es Nabokov bereits in diesem Roman (glücklicherweise) mißlungen, seine Zentralgestalt vom zeitgeschichtlichen Hintergrund unabhängig zu machen. Freilich besteht zwischen Lushins Schicksal und den historischen Ereignissen in der Zeit von 1910 bis 1930 nicht der geringste Zusammenhang, freilich äußert sich Nabokov über Schriftsteller mit gesellschaftskritischen Intentionen meist spöttisch und ist erklärter Gegner jeglicher „Ideenliteratur“. Für ihn, sagt er, sei ein Literaturwerk nur in dem Maße vorhanden, in dem es ästhetisches Vergnügen gewähre.