Von Wolfgang Ebert

Seit ich nun auch das zweite Fernsehprogramm sehen kann, habe ich doppelt so viel Freunde wie zuvor; einige alte Freunde, die ich aus den Augen verloren hatte, sind – Wildschweinen gleich, die aus dem Dickicht hervorbrechen – wieder aufgetaucht; der Zusammenhang in meinem -Freundeskreis, der sich bedenklich gelockert hatte, ist wieder enger geworden, und wenn man auch – durch das Programm daran gehindert – nicht recht dazu kommt, miteinander zu reden, so kommt man doch wenigstens dazu, miteinander zu schweigen.

Eigentlich hatte ich nie vor, wie Hinz und Kunz jeden Abend vor dem Bildschirm zu verbringen, ich wollte kein Sklave eines Kastens werden. Das bin ich erst dank meiner Freunde und der breiten Skala ihrer Geschmacksrichtungen geworden. Solange es nur ein Programm gab, ließ sich diese Entwicklung nicht vorausahnen. Das erste Programm konnten einige von ihnen auch zu Hause oder bei Nachbarn sehen, manche hatten überhaupt kein Verlangen danach. Durch das zweite Programm ist alles anders geworden. Weil ihre Hauswirte anscheinend keine rechte Antenne für die Antennenwünsche ihrer Mieter haben, muß ich herhalten. Mir fällt es an sich schon schwer, nein zu sagen – man macht sich damit so leicht unbeliebt –, und noch schwerer Freunden, die sich aus unerfindlichen Gründen plötzlich für die Lage in Ghana interessieren.

Eine Zeitlang hatte ich das wohltuende Gefühl, sie kämen auch ein wenig meinetwegen. Als ich aber kürzlich einige Wochen lang in Griechenland war und Tante Vera meine Wohnung hüten ließ, veranstalteten dieselben Freunde, unterstützt von einigen Flaschen Wein (meinen!) und verstärkt durch prominente Künstler, vor meinem Bildschirm kleine Gelage, wobei sie allenfalls hin und wieder etwas Bildschärfe vermißt haben mögen, aber jedenfalls nicht meine Anwesenheit. Kaum zurückgekehrt, brannte ich darauf, ihnen von meinen Griechenland-Eindrücken zu erzählen. Sie kamen auch sofort herbeigeeilt mit gespannten Gesichtern. Aber diese Spannung bezog sich leider nur auf das Abendprogramm.

Meine Fernsehabende beginnen eigentlich ganz harmlos mit einem Ehepaar, das „keineswegs stören möchte“, aber andererseits gern alte Stummfilme bei mir ansehen will. Weil es ja nun sowieso nicht mehr darauf ankommt, lade ich dazu noch gleich einige weitere Fernsehfreunde ein, wobei ich neuerdings nicht versäume, ihnen vorher mitzuteilen, auf welchem Kanal wir segeln werden. Bei meinen ersten Gemeinschaftsempfängen gab es da nämlich einige unerfreuliche Szenen.

Nicht nur ihretwegen sind diese Programme für mich recht aufreibend. Ich fühle mich nämlich mehr und mehr sowohl für die Bild- und Tonqualität als auch für den Gehalt der Sendungen verantwortlich und habe damit sowohl der Bundespost wie den Funkanstalten einen Teil ihrer Verantwortung abgenommen, was sie sicher gern hören werden. Meine Gäste kommen oft von weit her; sie haben vielleicht einen geplanten Opernbesuch meinem Programm geopfert. Und außerdem stellen sie hohe Ansprüche. In welch absurde Situation gerate ich zum Beispiel, wenn sie den Ionesco ausfallen und statt dessen Millowitsch auftreten lassen! Hoffentlich dauert der Bericht von der Korbmöbelmesse nicht zu lang! Ob man das Bild nicht noch schärfer bekommt – nachher machen sie überall meinen Apparat madig. Hoffentlich sagt ihnen meine, nein, Noeltes „Wildente“-Inszenierung zu, hoffentlich lassen sie sich nicht von Erichs ewigen Meckereien beeinflussen...

Und vielleicht habe ich nach den Nachrichten noch eine Chance, ihnen zu erzählen, wie ich in Nauplia, auf dem Peleponnes, in einen Seeigel trat und mir daher Mykenä entgangen ist. Oder vielleicht interessiert es Sie ...