Rembrandt Harmensz van Rijn (1606–1669):

David mit der Marie vor Saul

Zuweilen hört man sagen, es gebe doch „im Grunde“ in der Geschichte der Kunst höchstens zwanzig oder dreißig wirkliche Meisterwerke. Mit einer solch exquisiten Erkenntnis macht man gewiß sich selbst sehr kostbar. Ich für mein Teil möchte sagen: Es gibt Hunderte, Tausende, Abertausende von Meisterwerken in der langen Kette von Wundern der Kunst, die von den Höhlenbewohnern bis zur Gegenwart, von den Naturvölkern bis in unsere Zivilisation reicht. Und ich bin bereit, mich dieses unsäglichen Reichtums täglich zu freuen Darum gerate ich, nach „meinem“ Bild gefragt, in tiefe Verlegenheit.

Natürlich braucht „mein Bild“ nicht unbedingt ein Meisterwerk zu sein. Es ist ja nur nach einer Art persönlichsten „Besitzes“ gefragt Aber damit wird die Auswahl nur um so reicher, die Wahl nur um so schwerer. Erkundigte man sich, welches Bild ich im Zweifelsfalle auf eine mir beschiedene Robinson-Insel mitnehmen würde, dann würde ich wohl sagen müssen: keines! Und doch habe ich mich hier, an dieser weniger endgültigen Stelle, zu einer Wahl entschieden.

Ich leugne nicht: der Zufall ist im Spiel. Er besteht in einem Besuch, den ich vor Monaten dem Mauritshuis abstattete, dem Museum in Den Haag, das ich seit sehr vielen Jahren nicht mehr betreten hatte. Ich ging hin in der glücklichen Erwartung, Vermeer van Delft zu sehen, und sah – Rembrandt; Rembrandts mächtiges Alterswerk mit dem Titel „David mit der Harfe vor Saul“. Das Bild ergriff in einem Maße von mir Besitz, daß für den geliebten Vermeer (wie leicht hätte ich auch ihn für diese Rubrik wählen können!) kaum noch Minuten übrig blieben. Ich saß lange davor, viel zu lange, denn man kommt in den Verdacht einer ganz unstatthaften Andacht. Die Museumswärter wurden überdies argwöhnisch, als ich nach mehrfachem Versuch, das Museum nun endlich zu verlassen, immer wieder zu dem Bilde zurückkehrte.

Ich sage: das Bild ergriff von mir Besitz. Es hat mich noch heute in seiner Gewalt, und so habe ich denn als „mein“ Bild weniger eines gewählt, das ich durch meine Liebe besitze, als eines, das mich besitzt. Ich könnte ungezählte Bilder nennen, die „ein Stück von mir“ geworden sind. Aber im Augenblick wüßte ich keines – zumindest kein Werk eines andern Malers –, bei dem der persönlichste Besitz diese umgekehrte Form angenommen hätte. Vielleicht Goya im Prado; aber ich will keine neuen Skrupel in meiner Entscheidung aufkommen lassen.

Nebenbei gesagt: es ist natürlich keine Leistung, ein Hauptwerk von Rembrandt im Mauritshuis zu „entdecken“. Aber ich kann’s nicht ändern. In eine? besonderen Weise zeichnet sich seit vielen Jahren Rembrandt unter allen Malern in meinem Umgang mit Kunstwerken aus: Es ist für mich unmöglich, über ihn zu sprechen oder zu schreiben. Mein Sprachvermögen ist ihm nicht gewachsen, zumindest seinem Spätwerk nicht. Er macht mich nicht eloquent – im Gegensatz zu dem Zauberer Vermeer, der einem so schnell und so leicht die Zunge löst; ja, auch im Gegensatz zu Goya. Genauso ergeht es mir nun erneut mit dem Bilde meiner Wahl.