Die Deutsche Volkswirtschaftliche Gesellschaft lud kürzlich ihre Mitglieder nach Essen zu einer Tagung über das Thema „Entwicklungshilfe – aber wie?“

Da schilderte ein Staatssekretär z. B. eindrücklich das policy making in der deutschen Entwicklungshilfe, wie es auf höchster exekutiver Stufe der Bundesrepulik geschieht. Ein Ökonomie-Professor war in seinem Vortrag am genauesten und zog auch scharfe Folgerungen aus seinem theoretischen Modell, das die optimale Verteilung und Beschaffung der Kapitalmittel demonstrieren sollte. In welcher Form Finanzierungshilfe an Entwicklungsländer normalerweise gewährt wird, legte ein Ministerialrat dar und ein Diplomingenieur schließlich zeigte, nach welchen Gesichtspunkten die menschlichen Kräfte für die Entwicklungshilfe rekrutiert werden. Übers Ganze gesehen blieb man bei den Leisten, d. h. die wirtschaftlichen Aspekte der Entwicklungshilfe kamen breit zur Sprache – leider aber fordert die gestellte Frage mehr, weit mehr, als Wirtschafter je behandeln könnten.

Man macht sich doch gerade heute ernsthafte Gedanken über einige Grundsätze der Entwicklungshilfe; man sieht ein, daß – um Vernünftiges zu tun – einige harte prinzipielle Nüsse geknackt werden sollten. Geht man die Probleme aber nur von der Wirtschaft, von der Technik, ja von der Politik her an, so bleibt man mit seinen Argumenten „in der Luft hängen“, was in der Praxis ganz einfach heißt: Mißerfolg. Weil wir nämlich nicht wissen, was wir tun wollen, was wir tun können, und zu welchem Zwecke wir das bisher Vollbrachte getan haben, sind wir in Sachen „Entwicklungshilfe“ etwas in Verwirrung geraten und es will uns nicht gelingen, dem ganzen Geschehen eine einheitliche, sinnvolle Richtung zu geben. Leider haben wir auch nur eine geringe Ahnung davon, was die andern von uns wollen – in welcher Art und in welchem Umfang „sie sich entwickeln lassen möchten“.

Steigende Produktionsleistungen, höherer Lebensstandard, verbesserte Zahlungsbilanzen, kleinere Sterblichkeitszahlen – kurzum höhere Wachstumsraten (der Wirtschaft) sind für uns wohl echte Symbole des Prozesses, den wir „Entwicklung“ nennen. Sind sie es aber auch in jedem Fall für die Menschen in anderen Kulturkreisen? Reichlich naiv, so will mir scheinen, mutet es an, wenn wir bei Investitionen in unterentwickelten Gebieten uns von Fall zu Fall ängstlich fragen, ob wir damit wohl für die westliche Weltanschauung etwas gewonnen haben, wenn wir – unsere „gelungenen Werke“ betrachtend – tief davon überzeugt sind, daß wir die jetzo „entwickelten Völker“ von der Raison unserer politischen Doktrin, von der Tragfähigkeit unserer gesellschaftlichen Systeme überzeugt haben. Wirtschaftlichen und technischen Experten wird es nämlich nie gelingen, auf diese Fragen eine sichere Antwort zu geben und die ganze Grübelei muß zwangsweise mit einem „Tiefschlag“ für den „Entwicklungsfachmann“ enden:

Geht es doch in erster Linie bei dem Prozeß, den wir heute mit dem Ausdruck „Entwicklungshilfe“ aktualisieren, nicht um eine ökonomischpolitische Problematik, sondern um eine pädagogische.

Menschen in Afrika, Asien, Südamerika und anderswo sollen (nach unserer Zielsetzung) auf einen besseren Weg in die Zukunft geleitet werden; wir wollen schlummernde, fatalistische, leidend-resignierende Gemeinschaften „aufschließen“ und sie zur Aktivität erwecken. Marschziel für die bisher Unbeweglichen sollen die Gefilde höheren Wohlstandes sein – und wir schrecken nicht davor zurück, ihnen als Fortbewegungsmittel kurzerhand die Einrichtungen des 20. Jahrhunderts zur Verfügung zu stellen, obschon sie sich bis dato noch mittels Tretmühle, Zugochse, Einbaum und Grabstock ihre kümmerliche Existenz zusammengescharrt haben. Wir geben ihnen die Apparatur einer modernen Hochzivilisation in die Hand, überfallen sie mit unserem know how, ohne sie vorher mit unseren „Grundsätzen“ vertraut zu machen, ohne sie zu schulen und zu erziehen, ohne sie wirklich auf den Schritt zur Selbstverantwortung vorzubereiten.

Die Quintessenz ist einfach: Vom Nur-Wirtschaftlichen her verstandene und rein aufs ökonomische zielende Entwicklungshilfe steht auf tönernen Füßen. Ja, sie kann chaotische Folgen haben. Kein Zeitdruck darf uns dazu bringen, unsere Hilfe ohne volle Verantwortung zu leisten – keine propagandistisch angeheizte Hysterie darf uns ins Bockshorn jagen und uns zu fragwürdiger Tat verleiten. Ein guter Anfang auf einem neuen Weg könnte heute noch in der Bundesrepublik getan werden und würde uns vor gefährlichen und fragwürdigen Pfaden schützen. Wir müßten aber dazu in einem weiteren Sinne pädagogisch erfahrene und von echtem erzieherischem Geist erleuchtete Fachleute auf das Problem ansetzen – sie sollten sich einmal der Frage „Entwicklungshilfe – aber wie?“ annehmen. Selbstverständlich müssen dann aber auch beachtliche Teile der zur Verfügung stehenden Entwicklungsgelder für pädagogische Aufgaben eingesetzt werden. Damit, so will uns scheinen, wäre die eigentlich ökonomische Hilfe erst einmal vorzubereiten und dadurch würden auch jene Bedingungen zur wirtschaftlichen Entwicklung geschaffen, die man anläßlich der Tagung in Essen des öfteren respektvoll zitiert aber wohl kaum gekannt hat. Rle.