Wenn sich heute der Frauensport bemüht, auch andere Maßstäbe als nur die unerbittliche Stoppuhr zur Geltung zu bringen, ist das zu loben. Aber was schon die deutsche Gymnastik offenbarte, wird beim Kunstschwimmen noch ärgerlicher demonstriert: zu welchen Verirrungen nämlich solche Anleihen beim Tanz führen können. So großartig es den Eiskunstläufern und den Turniertänzern gelang, so jämmerlich ist das Resultat beim Kunstschwimmen in den „Soli“, „Duetten“ und „Quartetten“. Hier werden Formen und Vorstellungen des Tanzes, der doch einen Boden – sei es auch Parkett oder Eis – braucht, ohne weiteres ins Wasser, also in ein anderes Naturelement mit anderen Gesetzmäßigkeiten, verlegt. Was dabei herauskam, ist – man muß es deutlich aussprechen – ganz einfach Edelkitsch. Was wurde einem da alles zugemutet! Der „Sterbende Schwan“ im klassischen Ballettkostüm, der sich im Wasser zu Tode zappelt, liebreizende Nixen, die als Soldaten Friedrichs des Großen zu preußischer Marschmusik – „synchron“, wie es offiziell heißt – im Schwimmbecken paradieren. Dabei vergessen sie nicht, neckisch militärisch zu grüßen – und das im Jahre 1961! Und schließlich ein feuriges Csárdástanzpaar, das vor Temperament wild die Wellen peitscht, „er“ in schwarzem Ballett-Trikot und sie in blütenweißem Kostüm. Das beginnt mit tanzartigen Verrenkungen am Beckenrand und endet mit Handküßchen der weißen Wasserjungfrau für den schwarzen weiblichen Galan. Billigstes Vorstadt-Varieté. Aber der Fernseh-Sprecher war ergriffen, und Zuschauer wurden eingeblendet mit feierlich ernsten Gesichtern. Du holde Kunst...“

Die Verantwortlichen des Schwimmverbandes sollten hier einmal ein ähnliches Machtwort sprechen wie der Oberturnwart des DTB, als er sich von den Grauerholzschen Greulichkeiten bei der Gymnaestrada so deutlich distanzierte.

Wohin die Richtung im Kunstschwimmen gehen sollte, zeigte sich erst bei den Gruppendemonstrationen, „Bilderreigen“ genannt. Hier wurden einfache geometrische Figuren, darunter auch Räder, die sich durch das Wasser hindurch drehten, von einer Zwölfergruppe dargestellt. Dabei bewiesen die Mädchen bei diesen natürlichen Bewegungen im Wasser vorbildliche Sicherheit, Gewandtheit und Präzision. Und hierauf kommt es doch an, und nicht darauf, eine ins Wasser gefallene Primaballerina zu imitieren. – er.