In Paris treibt der Polizeichef Papon die Algerier zu Hauf, die von den FLN-Führern zu Demonstrationen verleitet, oft genug dazu gezwungen wurden. Papon ist aus Algerien gekommen; von dort hat er seine harten Methoden mitgebracht. Aber Paris ist nicht Algier. Die Bischöfe haben ihre Stimmen erhoben, die Intellektuellen, viele Organisationen.

Es ist eine Kettenreaktion des Terrors und der Angst.

Die Untergrundführer der algerischen Rebellion zwingen in Paris die Algerier auf die Straße, damit sie für ein freies Algerien und gegen die Bombenanschläge der AOS protestierten. De Gaulle will seine Hauptstadt nicht „balkänisieren“ lassen und greift durch. Die Kunde davon läßt drüben in Algerien jene Moslems erschrecken, die bisher glaubten – und es war die Mehrzahl –, daß die algerischen Europäer ihre Gegner seien, nicht aber die Franzosen in ihrem Mutterlande. Ihre Erregung gegen die Algerienfranzosen wird heftiger, und auf der anderen Seite benutzen die Faschisten von der sogenannten „Geheim-Armee“ diesen Anlaß, ihrerseits die weiße Bevölkerung noch mehr als zuvor zur Mitwirkung und Finanzierung ihres terroristischen Kampfes gegen den FLN zu erpressen. Ein Rassenkrieg ist im Gange, den kein Franzose (er sei denn ein Ultra) will.

800 000 Europäer leben noch in Algerien. 400 000 Algerier leben in Frankreich. Werden die bösen Mittel angewendet, so sieht (auf beiden Seiten) die Rechnung so aus; Pfand gegen Pfand, Terror gegen Terror, Erpressung gegen Erpressung. Glaube man an die guten Mittel, so behandelt man die Algerier in Frankreich so, wie man die Europäer im zukünftigen selbständigen Algerien behandelt wissen möchte und hofft, daß auch die FLN-Rebellen sich zu den guten Mitteln bekehren – wenigstens in ihrer Tätigkeit auf französischem Boden. Jedenfalls: Rassenterror in Paris ist kein Schritt auf dem Weg zum Frieden.

J. M.-M.