Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird das kleine, allzu reiche und allzu schwache Scheichtum am Persischen Golf noch lange ein Unruheherd bleiben. Englischen Presseberichten zufolge droht ihm jetzt, nachdem der irakische Annexionsversuch wenigstens vorläufig vereitelt werden konnte, die gleiche Gefahr aus entgegengesetzter Richtung.

Wie der „Daily Telegraph“ kürzlich aus Beirut meldete, soll sich jetzt der immer geldhungrige König von Saudi-Arabien mit dem Gedanken tragen, die noch gewaltigeren Ölschätze Kuwaits den eigenen durch einen Handstreich einzuverleiben. Dabei hat er den unschätzbaren Vorteil auf seiner Seite, daß saudi-arabische Truppen bereits im Lande stehen.

Die Saudis bilden nämlich die Kerntruppe jener buntgewürfelten Streitmacht, die vor einigen Wochen von der Arabischen Liga aufgestellt wurde, um den Schutz Kuwaits gegen die Iraker von den nach der Invasionsdrohung Generals Kassems schnell eingerückten Engländern zu übernehmen. Und die ganze Ersatz-Besatzungstruppe (die im übrigen noch Jordanier und Sudanesen umfaßt) steht unter dem Oberbefehl eines saudi-arabischen Generals. Der verschwenderische Hof von Riadh hat schon immer mit den Reichtümern des kleinen Nachbarn Kuwait geliebäugelt, aber erst jetzt bietet sich ihm die Gelegenheit, das kleine Land seinem großen Wüstenreich einzuverleiben.

Im vergangenen Jahr konnte der Scheich von Kuwait – ein Land, so groß wie Schleswig-Holstein, aber mit nur einem Neuntel der Einwohner von Hamburg – 130 Millionen englische Pfund, d. h. fast anderthalb Milliarden DM, in Öl-Royalties einstreichen – weit mehr, als sich das viel größere Saudi-Arabien ebenso mühelos verdiente.

Eine solche Konzentration von Reichtum – denn dieser Ölsegen steigert sich noch von Jahr zu Jahr – in einem so kleinen Land, mit einer so geringen Bevölkerung, ist natürlich nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein politischer Widersinn. Die Kuwaitis wissen schon lange nicht mehr, wohin mit ihrem Geld, während in den arabischen Nachbarländern das Volk darbt. Kein Wunder, daß Kuwait im Blickpunkt aller Begierden steht und stehen wird, solange dieser unnatürliche Zustand andauert.

Hinzu kommt, daß sich die kuwaitische Ölindustrie stürmischer als in irgendeinem anderen nahöstlichen Land entwickelt. Zu Anfang dieses Jahres erwarb die Shell-Gruppe im Küstenvorfeld von Kuwait eine Unterwasserkonzession, die ein Gebiet von 1500 Quadratmeilen umfaßt und für 45 Jahre gilt. Bei Vertragsabschluß zahlte der britisch-holländische Konzern 7 Millionen Pfund und verpflichtete sich, nach vier Jahren weitere 7 Millionen zu zahlen, wenn inzwischen eine Förderung von 100 000 Faß täglich erreicht sein sollte. Die Bohrungen sollen schon Anfang 1962 beginnen.

Inzwischen ist in Kuwait auch noch eine staatliche Ölgesellschaft, die „Kuwait National Petroleum Company“ gebildet worden, die besonders den Vertrieb von Erdölprodukten im eigenen Lande übernehmen soll. Daneben ist Mitte Juni die „Kuwait Petrochemical Co. Ltd.“ gegründet worden, mit einem Anfangskapital von 16 Millionen Pfund, die mit italienischer Hilfe eine große petrochemische Anlage in Kuwait errichten will.

Auf der anderen Seite hat sich aber der Bevölkerung des kleinen Landes und seines überreichen Fürsten eine wachsende Unruhe bemächtigt, die dazu geführt hat, daß im Laufe der letzten Monate rund 40 Millionen Pfund ins Ausland transferiert worden sind. Das Gefühl der Unsicherheit ist noch durch den Zerfall der Vereinigten Arabischen Republik und die damit verbundene Lähmung der Arabischen Liga weiter erhöht worden. J.J.