Von Robert Jungk

In den vatikanischen Gärten treffen sich diese Woche auf Einladung der päpstlichen Akademie der Wissenschaften fünfundzwanzig hervorragende Biologen und Biochemiker, um ungezwungen, ohne großen Konferenzapparat, miteinander über „Geheimnisse des Lebendigen“ zu debattieren. Die Eingeladenen gehören den verschiedensten Religionen, Rassen, Nationen an, es und darunter Gläubige und Atheisten – gemeinsam ist ihnen aber eines: Sie gehören der Spitzenklasse ihres Berufes an. Jeder von ihnen hat in den letzten Jahren durch neuartige, originelle Forschungen von sich reden gemacht.

Nobelpreisträger Arne Tiselius, der mir vor ein paar Tagen in Uppsala von diesem Treffen erzählte, wird das Gespräch in Gang bringen und dabei versuchen, den folgenden Unterhaltungen einen ganz besonderen, neuen Stil zu geben. Während sonst auf wissenschaftlichen Tagungen meist über bereits durchgeführte Arbeiten berichtet wird und experimentelle Beweise für aufgestellte Behauptungen präsentiert werden, sollen diesmal die schöpferischen Vorstellungen, der Entwurf, die Träume und Pläne der Teilnehmer Gegenstand der Debatte sein.

Ich fragte den schwedischen Gelehrten, ob denn seine Partner ihm auf diesem Wege folgen würden, da doch das geistige Spekulieren, der waghalsige Vorstoß ins Unbekannte, die kühne Hypothese von Naturwissenschaftlern öffentlich nur selten riskiert würden. „Gewiß, es kann schon sein, daß einige von uns – ich selbst ganz zuerst – sich mit einem Teil ihrer Vermutungen zu weit vorwagen, daß wir uns sogar ein wenig lächerlich machen“, antwortete er. „Aber sehen Sie, all die Männer, die da miteinander sprechen, sind ja bereits anerkannte Persönlichkeiten. Jeder einzelne von ihnen besitzt hohes Prestige. Und ich finde, ein Kapital von geistigem Prestige sollte niemals geizig gehortet, sondern ausgegeben und immer wieder aufs Spiel gesetzt werden.“

Einen anderen der fünfundzwanzig Teilnehmer des Vatikan-Gespräches traf ich einige Wochen vorher. Es ist Max Perutz, der als einer der Pioniere der „molekularen Biologie“ gilt. Er arbeitet zur Zeit im Cavendish-Laboratorium in Cambridge, jener Forschungsstätte also, an der es Rutherford, Kapitza, Brackett und vielen anderen großen Physikern zwischen den beiden Weltkriegen gelang, die ersten, vielleicht entscheidendsten Einsichten in das Miniatur-Universum des Atomkernes zu erlangen. Vielleicht ist es mehr als ein Zufall, daß der 1938 aus Wien vertriebene Perutz heute in genau dem gleichen Saal, wo Rutherford 1919 sein wichtigstes Experiment durchführte, sein Modell eines Teils der lebendigen Zelle aufbaut. Wie unendlich viel komplizierter, vielfältiger als die Grundsteine der Materie sind aber die Grundsteine des Lebens. Eine Ahnung davon erhält man vor dieser aus Stahlstäben und buntüberzogenen Drähten zusammengebauten Rekonstruktion in Cambridge. Und wieder einmal scheint die Kunst prophetisch die Wirklichkeit vorausgeahnt zu haben, denn diese dreidimensionalen Darstellungen des Saus von Proteinen mit ihren verschlungenen gelben Spiralen, ihren roten und grünen Verästelungen, ihrem bei aller Verworrenheit doch ausgewogen und harmonisch wirkenden Dickicht von filigranem Aderwerk ähneln ganz erstaunlich den metallenen Skulpturen moderner Bildhauer. Wir stehen erst ganz am Anfang der Reise ins Labyrinth der Zelle, meinte der Forscher. Unendlich viele Türen auf unendlich vielen Gängen mit neuen Türen auf neue Gänge schien er vor sich zu sehen, und indem er von diesem großen Abenteuer sprach, das die Menschheit noch erwartet, war eine Freude, eine Begeisterung in seinen Worten, die man im Zeitalter der Resignation und Atomangst kaum mehr findet.

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Die Arbeiten von Perutz und den anderen Biologen in Cambridge werden vielleicht eines Tages zu einem völlig neuen Verständnis unseres Körpers, zu erregenden Perspektiven einer neuen Medizin führen. Und doch haben alle diese Arbeiten seit Kriegsende nicht mehr gekostet ab eine einzige (!) amerikanische oder sowjetische Fernrakete. Nur die Hälfte dieses Betrages dürfte Professor Holger Hyden für sein neues fünfstöckiges Institut zur Untersuchung aller Phänomene des menschlichen und tierischen Nervensystems ausgegeben haben, das am Rande der schwedischen Hafen- und Universitätsstadt Göteborg liegt. Als ich ihn dort besuchte, hörte ich aus dem Munde dieses noch jungen Mannes, der heute als einer der ersten Hirnforscher der Welt gilt, fast wörtlich den gleichen Satz wie von Max Perutz: „Wir stehen erst ganz am Anfang der Erkundung der chemischen Prozesse, die sich in menschlichen Hirn abspielen. Erstaunlich, wie wenig wir über unser Denkorgan wissen im Vergleich zu unseren Verdauungsorganen.“