O.v.L Freilassing

Die Frage, was er denn wohl unter „legal“ verstehe, vermochte der Angeklagte auch nach angestrengtem Nachdenken nicht zu beantworten. Dabei war er es, der dieses Wort – zu seiner Verteidigung – in die Verhandlung eingeführt hatte: „Ich wollte Kreher durch seine Freunde legal nach Bayern locken.“

So argumentierte vor dem Salzburger Schöffengericht der bayerische Polizeihauptwachtmeister Michael Brandner 45 Jahre alt, angeklagt des Menschenraubes, eines Deliktes, das nach dem österreichischen Strafgesetzbuch mit fünf bis zehn fahren Kerker bestraft wird. Der Fall Brandner ist lehrreich, denn er zeigt, was herauskommen kann, wenn ein Polizist einfältig und ehrgeizig ist.

Vor anderthalb Jahren war Brandner, als er am deutsch-österreichischen Grenzübergang Marzoll Dienst schob, ein junger Mann aufgefallen, der sich als ein Vulkaniseurlehrling namens Jürgen ’Kreher auswies. Der junge Mann war ihm verdächtig vorgekommen, aber da dessen Papiere in Ordnung waren, mußte er ihn nach Österreich passieren lassen.

Wenige Tage später erinnerte sich der Polizist Krehers wieder. In Marzoll waren die üblichen Fahndungslisten eingetroffen, und nicht ohne Selbstzufriedenheit entdeckte Brandner darin Jürgen Kreher – ausgeschrieben wegen Autodiebstahls in Friedrichshafen. So stolz des Polizisten Herz auch schlug – Kreher war für ihn unerreichbar, er kampierte in Großgmain, Österreich, und unternahm von dort aus mit dem gestohlenen Wagen Touren in die Umgebung.

Den Polizisten überwältigte ein grotesker Ehrgeiz: Er wollte Kreher fangen. Er setzte sich mit einigen jungen Leuten aus der Bundesrepublik in Verbindung, die in Großgmain Urlaub machten und Kreher kannten. Brandner erklärte ihnen, Kreher sei ein Autodieb; sie könnten sich Verdienste erwerben, wenn sie ihn über die Grenze lockten, und sie sollten einen Strick mitnehmen.

Das Abenteuer bereitete keine Schwierigkeiten. Kreher wurde einfach überfallen, mit den Strick gefesselt, in ein Auto gepackt und über die Grenze gefahren, wobei das übliche Haltezeichen eines österreichischen Zöllners, der den Wagen kontrollieren wollte, einfach übersehen wurde. Freudestrahlend nahm Brandner seinen Kreher in Empfang, wunderte sich aber nicht schlecht, als er keinen Orden bekam, sondern in den Bayerischen Wald versetzt wurde. Der diplomatische Notenwechsel, der alsbald zwischen Bonn und Wien anhub, war ihm vollends unverständlich.