Von Walter Boehlich

Vor drei Jahren hat Roger Caillois bei den Editions du Seuil in Paris ein ebenso merkwürdiges und sonderbares wie großartiges und aufregendes Buch herausgegeben, das bis dahin fast ausschließlich nur in Polen bekannt war. Es ist das literarische Nebenwerk eines Polyhistors, des Grafen Jan Potocki (1761–1815), wie alle dessen Schriften nicht polnisch, sondern französisch abgefaßt. Seine Schicksale sind verworren. Mancherlei Zufälle haben es der literarischen Welt eineinhalb Jahrhunderte vorenthalten. In einer Auflage von hundert Exemplaren sollte der erste Teil 1805 in Petersburg gedruckt werden; er ist offensichtlich nicht über den Umbruch hinausgekommen, ebenso wie die beiden anschließenden Bogen des zweiten Teils. In Paris erschienen 1813 und 1814 weitere Teile, vielleicht ohne Genehmigung des Autors, der eine Reihe Abschriften seines Manuskriptes hatte herstellen lassen. Eine davon hat er offensichtlich Charles Nodier übergeben, der sie zum Druck befördern sollte, sie aber stattdessen für eigene Zwecke ausgeschlachtet hat. Ein polnischer Emigrant, Edmund Chojecki, übersetzte das Gesamtwerk nach einer in seinem Besitz befindlichen Kopie ins Polnische und ließ es 1847 in Leipzig erscheinen. Es folgten weitere polnische Ausgaben, neue Funde in den Archiven der Familie Potocki und schließlich die von Caillois nach den erhaltenen französischen Drucken hergestellte erste offizielle französische Ausgabe von 1958. Sie vor allem liegt, neben der wenig zuverlässigen polnischen Fassung, der deutschen Übersetzung zu Grunde –

Jan Potocki: „Die Handschrift von Saragossa“, herausgegeben von Roger Caillois, aus dem Französischen von Louise Eisler-Fischer, aus dem Polnischen von Maryla Reifenberg; Insel-Verlag, Frankfurt; 876 S., 29,– DM.

Über den Verfasser wissen wir eine Menge. Er hat zunächst Mathematik und Naturwissenschaften studiert, sich aber bald der Geschichtsforschung zugewandt, wobei sein Hauptinteresse auf die Universalgeschichte einerseits und die slawische Vor- und Frühgeschichte anderseits fiel. Er war eine Zeitlang Soldat und ist stets viel gereist, nach der Schweiz und Frankreich, nach Malta, nach Nordafrika, der Türkei, Ägypten, Spanien und Marokko, Italien, durch die russischen Provinzen bis nach China. In einer eigenen Druckerei veröffentlichte er freiheitliche, antiklerikale und revolutionäre Schriften; er begeisterte sich für die Französische Revolution, von deren Entwicklung er bald enttäuscht war, und hing den großen französischen Aufklärern an.

Nichts dagegen wissen wir über die Absichten seines Romans und die Ursachen seiner Entstehung. Er ist in Polen als Gegenschrift zu Chateaubriands „Genie du Christianisme“, von Caillois als Werk der phantastischen Literatur zwischen Cazotte und E. Th. A. Hoffmann gedeutet worden. Mit Recht?

Geschrieben hat Potocki ihn zwischen 1803 und 1815, während in Deutschland die Romantik sich voll entfaltet, während in Frankreich Madame de Staël und Constant, Chateaubriand, Senancour, Nodier das literarische Leben bestimmen. Mit ihnen allen hat Potocki nicht das mindeste zu tun, auch nicht mit ihren unmittelbaren Vorgängern. Seine Vorbilder liegen weiter zurück. Und natürlich hat er Vorbilder gehabt. Er hat nicht aus dem Nichts eine neue literarische Form erfunden, sondern vielmehr sich allenthalben alten Gutes bedient. Das Erstaunliche ist, daß er trotzdem ein Werk geschaffen hat, das denen seiner Zeitgenossen in Frankreich wohl überlegen ist, sie in der Gunst der Leser sicherlich überleben wird.

„Die Handschrift von Saragossa“ ist eine Rahmenerzählung nach dem Modell von Boccaccio und seinen Nachfolgern auf der einen, dem Modell von Tausendundeiner Nacht auf der andern Seite. Alphons van Worden, ein junger Hauptmann der wallonischen Garden, irrt Sechsundsechzig Tage lang durch die Sierra Morena. Er begegnet dabei unzähligen seltsamen Personen; auch seinem Schicksal. Unterwegs unterhält man sich durch Geschichtenerzählen, soweit man sie nicht am eigenen Leibe erlebt. Jedem Tag der Wanderung entspricht ein Kapitel des Romans, der im Druck zunächst in Zehnergruppen, Dekamerone, eingeteilt werden sollte. Schon das ist auffällig. Die „Handschrift von Saragossa“ ist ja keineswegs eine Novellensammlung, für die aus Gründen der Ordnung und der Darbietung ein äußerer Rahmen gesucht worden ist; sie ist, obgleich sie Motive und Stoffe aus der gesamten Erzählliteratur von der Antike bis ins siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert ganz offensichtlich verwendet, ein äußerst kunstvoll gegliederter und verknüpfter Roman. Potocki hat sich völlig unbekümmert über die formalen Traditionen des europäischen Romans spanischer, französischer und englischer Provenienz hinweggesetzt und mit größter Sicherheit ein Modell aufgegriffen, das ihm eine Komposition aus ungleichen kleinen Teilen ermöglichte, wie es seinem mathematischen Sinn offenbar am nächsten kam. So viele und so abenteuerliche Geschichten an diesen sechsundsechzig Tagen auch erzählt werden, sie sind alle in eine folgerichtige Beziehung zur Grundfabel – und zur aufklärerischen Absicht – gebracht worden.