Bonn, im Oktober

Das große Aufatmen nach den qualvollen Wochen der Koalitionsverhandlungen ist ausgeblieben. Kein befreiender Seufzer der Erleichterung entrang sich der Brust jener Bonner Politiker, die mühsam den Weg der CDU/CSU und FDP zur neuen Regierung Adenauer geebnet und hinter verschlossenen Türen mit sich selbst gerungen hatten. Sie waren zwar erleichtert, daß es „ausgestanden“ war, ihrer Leistung aber wurden sie nicht froh. Dazu war es doch zu sehr Flickwerk; zu viele Fugen wurden erkennbar, als das Haus der Zukunft endlich zu stehen schien; der Regierungswagen holperte auch noch auf der Zielgeraden über Schlaglöcher. Gewiß stellte sich prompt jene offizielle Genugtuung ein, die in solchen Fällen obligatorisch ist, aber die gravitätischen Kundgebungen der Selbstzufriedenheit konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß es ein Sieg ohne Jubel war – und daß die Sieger seiner nicht froh wurden.

Sicherlich ragte Konrad Adenauer wieder einmal haushoch über die Schar der übrigen Verhändler empor. Aber selbst dem großen Sieger in der kleinen Koalition war offenbar nicht entgangen, daß es unverhältnismäßig viel Kampf gekostet hatte, nach innen und nach außen, um erneut auf den Granitsockel der Bundesrepublik zu steigen – und daß das Fundament, auf dem er nun stand, durchaus morsch zu sein schien. Nur kommentierte Adenauer die bis zuletzt verbliebenen Unklarheiten (und manche von ihnen sind sehr gefährlich!) mit der ihm eigenen Souveränität genau wie 1949, 1953 und 1957: „Darüber können wir später reden .. Aber kann man heute „darüber noch später reden“ – so wie 1949, 1953, 1957?

Das Gefühl, daß dies eben nicht der Fall ist, herrschte zum Toresschluß der Koalitionsverhandlungen in den Reihen der CDU/CSU in einem nahezu bestürzenden Maße vor. Selbst die nach außen hin plakatierte Befriedigung „von Fraktion? wegen“ wich allmählich einem unüberhörbaren Murren. „Wir schimpfen leise vor uns hin“, bekannte ein nordrhein-westfälischer CDU-Abgeordneter, der keineswegs im Ruf steht, zu den „Rebellen“ der Partei zu gehören. „Diese Koalitionsabmachungen riechen zu sehr nach Kleine-Leute-Geschäft. Alles ist unklar geblieben. Man hat die Fraktion gar nicht informiert. Was wir erfuhren, erfuhren wir aus den Zeitungen“ Ein anderer Abgeordneter – aus dem „Gerstenmaier-Gefolge“, wenn eine solche Klassifizierung zulässig ist – meinte sogar noch am Dienstag: „Ein Funke genügt – und die ganze Sache fliegt auf.“ Diese Explosionsfurcht freilich wurde von wenigen CDU-Vertretern geteilt.

Was ist schon zu bejubeln?, fragteil christlichdemokratische Parlamentarier einander. Daß man skurrile Ministerien erfand, um die FDP zufriedenzustellen ... und Erhard seine Loyalität gegenüber Adenauer erneut schwerzumachen? Daß man einen Staatsminister ins Auswärtige Amt setzen wollte, von dem nicht klar war, was er dort eigentlich sollte, und von dem man nur vermuten konnte, er werde zwischen den Berufsdiplomaten hoffnungslos isoliert sein und zum entscheidenden Strang Brentano-Adenauer niemals das rechte Verhältnis finden? Daß man auf der ganzen Linie mit faulen Kompromissen operierte, um klare Lösungen zu vermeiden? Was soll diese Regierung, die sich – ich zitiere einen Gesprächspartner wörtlich – „von Monat zu Monat aus einer inneren Krise in die andere dahinschleppen wird?“

Bei der FDP hatte das Trauma „wenn wir nicht mitziehen, macht Adenauer eine Koalition mit der SPD“ so sehr das Denken beherrscht, daß man nur noch erleichtert war, der großen Oppositionspartei den Rang abgelaufen zu haben. Nach der schmerzlichen Selbstanalyse des Hauptausschusses in der Beethovenhalle zu Bonn wäre die Partei, die „weiter denkt“, auch gar nicht mehr fähig, ihre Beschlüsse zu revidieren. Sie hatte sich in den letzten Wochen zu oft beugen, sie hatte sich zu oft verrenken müssen, um noch irgendwo zu stehen: sie schwamm mit. Wer angestrengt schwimmt, um ein nahes Ufer zu erreichen, kann nicht mehr sagen: „Ich hab’s mir anders überlegt.“ Die Kräfte reichen nur noch, um an Land zu gehen. Was nun? Das wird sich zeigen. Die FDP lächelte – ein Lächeln der Erschöpfung.

Die SPD war so hart, wie es einer Partei zustand, die gewartet und zugeschaut, die sich nicht verbraucht hatte und die sich nun aus dem Verhalten der anderen eine Chance für die Zukunft ausrechnete. Resignation, gewiß, denn man hatte doch heimlich bis zuletzt auf das große Kabinett gesetzt; aber auch etwas Schadenfreude, daß es den anderen so schwer gefallen war, sich auf Kosten der SPD zu einigen – und daß diese anderen ihres Lebens nicht froh werden. Und dann: Entschlossenheit.