Die Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl haben in erstaunlicher Klarheit das bestätigt, was Professor Eschenburg unter dem Protest zahlreicher Leser vor der Wahl in der ZEIT gesagt hat: daß nämlich eine dritte Kraft – sprich FDP – keine Chance hat. Die FDP hat den Wahlkampf unter zwei Hauptrollen geführt: 1. Keine SPD-Regierung, 2. Keine Regierung unter Adenauer. (Die zweite Parole mag anders formuliert gewesen sein, ist jedoch von den Wählern so verstanden worden, was die FDP-Wahlkampfleitung mindestens nicht verhindert hat.)

Nach den bisherigen Koalitionsverhandlungen scheint es festzuliegen, daß einer der beiden Punkte nicht eingehalten werden kann. Ein Teil der FDP-Wähler wird also durch die Entscheidung der FDP – wie immer sie letzten Endes ausfallen wird – in seinen Erwartungen enttäuscht werden.

Daraus ergibt sich die Lehre, daß das Angebot einer dritten Kraft zwar sehr verlockend erscheint gegenüber nur zwei Auswahlmöglichkeiten beim Zweiparteiensystem. Am Tag nach der Wahl jedoch gibt es doch nur zwei Kräfte, nämlich die der Regierungspartei oder -parteien und die der Opposition (möglicherweise weniger monolithisch). Die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen werden dem Wähler aber nicht mehr zur Entscheidung vorgelegt. Beim Zwei-Parteiensystem hingegen gibt es keine Koalitionsverhandlungen – Notstandszeiten und Österreich ausgenommen –, welche den Wählerwillen verfälschen können.

Der einzige Ausweg, ein Mehrparteiensystem ohne Verfälschung der Wählerentscheidung beizubehalten, wäre darin zu sehen, daß man die Koalitionsverhandlungen vor den Wahlkampf verlegt. Im konkreten. Fall wäre dann die FDP als Satellitenpartei der CDU in den Wahlkampf gezogen. Ob dieser Weg praktikabel wäre, erscheint nach den bisherigen Erfahrungen allerdings sehr fraglich.

Es bleibt so die Frage, wie der Wähler beim Zwei-Parteiensystem wenigstens noch die Nuancen der beiden rivalisierenden Regierungsprogramme beeinflussen kann. Die Antwort lautet: Nur durch aktive Mitarbeit innerhalb der Partei, die ihm von vornherein als das kleinere Übel erscheint. Dies bedeutet aber nichts anderes, als daß der einzelne Staatsbürger seine Pflichten in ganz anderer Weise verstehen muß als nur in der Auswahl aus einer Reihe von Programmen, die von einigen „Profis“ jeweils bei der Wahl vorgelegt werden.

Die jetzigen Koalitionsverhandlungen sind das Todesurteil der FDP, vollstreckbar in vier Jahren. Das politische Leben wäre dann um eine Farbe ärmer; wenn aber eine Neubesinnung auf die demokratischen Pflichten des Staatsbürgers die Folge wäre, so wäre der Verlust mehr als ausgeglichen.

Dr. K. Köstlin, Platjenwerbe