Gegenbewegung “Do it NOT yourself“

Von Otto F. Beer Ich möchte mich hier als das Oberhaupt und daseinzige Mitglied einer gleichwohl weltbewegendenOrganisation deklarieren: der Do-it-NOT-yourself-Bewegung. Man liest von ihr vergleichsweise wenig in den Zeitungen, jedenfalls bedeutend weniger als über die andere, die hochangesehene und von der Mode favorisierte Do-ityourself-Bewegung. Die verfügt über eigene Zeitschriften, über Klubs, eine umfangreiche Fachliteratur und sogar eine Industrie, die davon lebt, daß sie ihren zahlreichen Kunden sozusagen das Nichts liefert, aus dem erst ein Etwas zu machen sei. Ein ansehnliches Kapital kursiert bereits im Zeichen der Do-it-yourself-Idee, ein Apparat ist in ihrem Schatten entstanden, und wo einmal ein Apparat ist, gibt es nur mehr eine Möglichkeit: daß der Apparat immer noch größer wird. So hat der Mensch des 20. Jahrhunderts zwar die Atomkräfte entfesselt, die Erde verlassen und Seuchen zum Versiegen gebracht – aber er geht daran, selber seine Möbel zu bauen, seine Wände zu streichen, seine Lichtleitungen zu legen und seine Schuhe zureparieren. Daß ihm unter Umständen nicht viel anderes übrigbleibt, als selbst zuzugreifen, wo kein anderer zuzugreifen gedenkt – das wäre der Zwang der Umstände. Daß er dergleichen aber freiwillig tut, als Sinnerfüllung seines Feierabends: Das nennt man eine Idee. Freiheit besteht, so besehen, darin, daß man dasjenige, was man tun muß, lieber gleich von vornherein tun will.

Die Jünger der „Tu-es-selbst“-Bewegung nennen derlei ein Hobby. Früher nannte man dies ein Steckenpferd, noch früher eine Liebhaberei. Damals verstand man unter diesen Bezeichnungen allerdings nicht das Kacheln von Badezimmern oder das Lackieren von Gartenmöbeln, sondern vielleicht Quartettspielen oder das Sammeln von Kupferstichen. Eine Liebhaberei verhält sich zu einem Hobby etwa so wie Kammermusik zu einem Comic Strip. Irgendwo dazwischen liegt das Basteln, das noch etwas liebenswürdig Zweckfreies an sich hatte. Aber etwas Zweckfreies hätte sich in unserer Zeit niemals zu einer Weltbewegung entwickeln können. Das „Do-it-yourself“ ist da weit schärfer kalkuliert, haargenau aufs Ziel gerichtet. Das Ziel kann banalerweise durch den Umstand bedingt sein, daß man einfach keinen Handwerker findet, der einem eine elektrische Leitung verlegt, oder auch – was sich weit vornehmer anhört – im manuellen Ausgleich gegenüber allzu geistiger Beschäftigung bestehen, dem Korrektiv zur nervlichen Hochspannung, und um es schlagzeilengerecht auszudrücken: dem Kampf gegen die Managerkrankheit. All diese weitreichenden Wirkungen werden vom freihändig gestrichenen Gartenzaun und der selbstgeklebten Tapete erwartet.

Dennoch möchte ich für die Devise „Do it NOT yourself!“ plädieren. Sie hat keinen mächtigen Apparat, keine weltumspannende Industrie auf ihrer Seite. Wer ihr das Wort redet, steht allein gegen den Aufprall einer gewaltigen Woge, die von Amerika her über unseren Kontinent hereingebrochen ist. Doch neigen wir gern dazu, gegen derlei mächtige amerikanische Bewegungen sofort eine Gegenbewegung auf die Beine zu stellen. Als der Hollywood-Film das Maximum an Perfektion und Aufwand erreicht hatte, begann man in Europa Filme mit geringstem Etat und ohne alle glatte Politur zu drehen, und man wußte sogar von einem italienischen Regisseur zu erzählen, der seine Möbel verkauft hatte, um seinen ersten großen Film zu finanzieren. Auf diesem Wege haben der Neoverismo und die Nouvelle vague revssiert.

Vielleicht ist der Do-it-NOT-yourself-Bewegung ein ähnlicher Siegeszug vorherzusagen. Der Gedanke, Möbel vom Tischler und Lichtleitungen vom Elektriker herstellen zu lassen und sich lieber mit denjenigen Dingen zu beschäftigen, die man wirklich versteht, hat ohne Zweifel etwas Ungewöhnliches und Originelles. Vielleicht wird man ein solches Beginnen mutwillig nennen. Wer wochenlang vergeblich versucht hat, eines Maurers habhaft zu werden, wird ziemlich leicht der Versuchung erliegen, sich den Lockungen der Do-it-yourself-Bewegung hinzugeben und die paar Handgriffe lieber selbst zu machen.

Solche schwachen Gemüter bedürfen einer soliden weltanschaulichen Stütze und ganz gewiß kann sich bei uns die Devise „Tu es nicht selber!“ nur dann durchsetzen, wenn sie über ein geistesgeschichtliches Fundament verfügt, das sich sehen lassen kann. Ich wage also die Behauptung, daß der Mensch seinen Weg von der Steinzeithöhle bis zum Polsterfauteuil der modernen Zivilisation nur der Do-it-NOT-yourself-Bewegung verdankt.

Spezialisten ans der Höhle