Von der „vorgeprägten Millionenware“, die das Fernsehen bietet, von der „Versklavung“, die allabendlich von neuem beginnt, von der Droge des endlosen Programms“ und vom „Sog des Optischen“ ist in einem Artikel von Georg Ramseger („Die Welt“ vom 21, Oktober), die Rede. So treffend manche Beobachtungen, so bedenklich die Hauptthese: „Das Fernsehen ist seiner Gattung nach der geschworene Feind des Buches. Die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, gehen dem Buch verloren.“ Tatsächlich? Werden nicht vom Fernsehen eher andere Beschäftigungen verdrängt, die übrigens Ramseger selber anführt: „Briefmarken sammeln, Skat spielen oder Schach, Kegeln, Brieftauben, züchten oder plaudem...“

Gewiß wird auch die Lektüre erheblich reduziert. Aber ist das so schlimm? Es tut mir leid: Ich kann in dem Bücherlesen an sich noch nichts Positives erblicken. Es kommt darauf an, was gelesen wird. Gehen die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, den Werken von Thomas Mann, Camus und Faulkner verloren? Oder vielleicht den ohnehin fragwürdigen Unterhaltungs- und Kriminalromanen, den Sensationsbüchern jeglicher Art? Schließlich wird in der Bundesrepublik vieles gedruckt, das weit gefährlicher ist als die schlechteste Sendung des Fernsehens. Wenn also die Lektüre tatsächlich durch das Fernsehen beeinträchtigt wird, so muß das nicht unbedingt ein verdammenswerter Einfluß sein.

Und vielleicht regt der Bildschirm mitunter auch dazu an, gute Bücher zu lesen? In den Vereinigten Staaten würden – um nur ein Beispiel anzuführen – nach einer Fernsehverfilmung der Stendhalschen „Kartause von Parma“ innerhalb von einer Woche mehr Exemplare dieses Romans verkauft, als in den rund hundertzwanzig Jahren seit seinem Erscheinen. Wer es mit der Literatur ernst meint, dem können solche Fakten doch wohl nicht gleichgültig sein.

Aber gesetzt den Fall, Ramsegers These, das Fernsehen sei „der geschworene Feind des Buches“, wäre gänzlich richtig und würde auch das gute Buch betreffen – was tun? Selbst wenn man glaubt, es handle sich um ein Instrument des Satans, das das gesamte Kulturleben verpeste – das Fernsehen ist nun einmal da, und wir können es nicht abschaffen. Vielleicht kann man es aber verbessern?

Neuerdings greift das bundesrepublikanische Fernsehen besonders oft zur Literatur. Angekündigt sind Werke von Sophokles, Shakespeare und Goethe. Das sind die übelsten Autoren nicht. Man sah schon O’Neill, Giraudoux, Wilder, Sartre, Zuckmayer. Vorbereitet werden jetzt Kafka, Saroyan, Hauptmann, Hofmannsthal und – welch ein Glück! – ebenfalls Bertolt Brecht. Auch werden für den Bildschirm Romane und Novellen deutscher Gegenwartsautoren – und wiederum nicht der übelsten – bearbeitet.

Ist dieses immer enger werdende Zusammenwirken von Literatur und Fernsehen bedauerlich oder erfreulich? Ramseger meint: „Genaugenommen ist es ein groteskes Verhalten, wenn ein Verleger Buchrechte an das Fernsehen verkauft, damit das Fernsehen daraus Zeitvertreibe baut, die dem – Buch die Zeit rauben.“ Warum eigentlich? Natürlich wegen der Qualität vieler oder der meisten Sendungen, die das Fernsehen bereits aus literarischen Werken gemacht hat. Was bisher Millionen begeisterte – schreibt Ramseger – „war mit den berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen, ... nicht danach, daß wirkliche Schriftsteller oder wirkliche Verleger begierig darauf sein könnten, die Verwandlung eines Buches in Fernsehgeflimmer zu ersehnen.“ Und da bin ich doch ganz anderer Ansicht.

Wenn jemand eine Maschine noch nicht recht bedienen kann, so beweist das noch keineswegs, daß diese Maschine nichts taugt. Das Niveau der Filme, die etwa zwischen 1905 und 1913 gedreht wurden, war in jeder Hinsicht erschreckend. Konnte dadurch der Film ein für allemal als künstlerisches Medium kompromittiert werden? Übrigens haben neue Medien nie die traditionellen auszuschalten vermocht: Trotz Rundfunk und Langspielplatte sind die Konzertsäle nicht leer, der Tonfilm hat das Theater nicht liquidiert.

So glaube ich auch nicht an die angebliche „Urfehde“ zwischen dem Fernsehen und dem Buch, sondern an ein für das Kulturleben unbedingt notwendiges Bündnis. Wer sich dem „Fernsehgeflimmer“ zweckvoll widersetzen möchte, sollte wohl die Zusammenarbeit der „wirklichen Schriftsteller“ mit dem Fernsehen nicht bekämpfen, sondern fördern. Marcel