Auf den ersten Blick wirkt es ein wenig snobistisch, heutzutage „seinen“ Kierkegaard aufzuschlagen. Wer sich wohlig gesättigt fühlt, würzt gern die Mußestunden mit einer Prise Weltuntergang oder Eschatologie. Die Kunst, das Unheimliche so appetitlich zu dosieren, daß es konsumanregend wirkt, macht uns so leicht keiner nach. Und doch zeigen sich – sogar beim traulichen Licht der Leselampe – die Zeilen Kierkegaards solchen Machenschaften gegenüber störrischer als etwa die sanfte Melancholie des „Stundenbuches“ oder auch „Zarathustras“ schwerblütiger Zorn. Bei Kierkegaard ist es nicht so leicht, das Bedrohliche zum prickelnden Kitzel zu neutralisieren. Das wird auch erfahren, wer

Sören Kierkegaard: „Geistliche Reden 1848“; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 343 S., 21,– DM

zur Hand nimmt. Hier ist die Polemik noch nicht bis zur letzten Schärfe geschliffen wie in seinen späteren Schriften. Und doch spürt man auf jeder Seite den bohrenden Ernst, den immer neuen Ansatz, sich und dem Nächsten auf den Grund zu kommen. Sich und dem Nächsten: das ist eigentlich nicht zweierlei bei Kierkegaard. Denn für ihn gab es kein monologisches Denken. Sein Geist realisierte sich nur im Dialog: mit Gott und mit dem anderen Menschen. Dem anderen, der niemals nur „der andere“ war, sondern „der Nächste“. Auch, wenn er sich mit ihm auseinandersetzte, ihn umzingelte, ihn attackierte. Denn Kampf und Liebe waren für Kierkegaard nicht widersprüchliche, unvereinbare Haltungen. Er rang mit Gott um Gott. Und wenn er mit Menschen kämpfte, so schlug er sich, weil er um sie warb. In der Einleitung zu den „Geistlichen Reden“ steht das bezeichnende Wort: „O du, der du im Kampfe stehst: laß dich milde stimmen! Man kann des Lachens vergessen: Aber davor behüte Gott einen Menschen, je des Lächelns zu vergessen!“

Kierkegaards Art zu reden ist merkwürdig, schmerzlich und doch wohltuend. Merkwürdig, weil er den Zangengriff der Paradoxie beherrscht, ohne sich – wie viele seiner Epigonen – der Geistreichelei verdächtig zu machen. Schmerzlich: weil sein Geist, um die Fäulnis aufzudecken, flink und schonungslos arbeitet wie ein Seziermesser. Wohltuend: weil trotz allem die Güte des Arztes spürbar bleibt. Ob er von der Armut spricht oder vom Überfluß. Von der Niedrigkeit oder von der Hoheit. Ob er von der Freude oder von der Trübsal spricht. Oder von der Freude in der Trübsal.

Nicht die Armut – so meint er – macht eigentlich die Armut des Armen aus: sondern daß er glaubt, irdischer Besitz genüge, um nicht mehr arm zu sein. Das wahre Grauen der Armut liegt darin, nicht zu erkennen, woran man arm ist! Und der Überfluß wird erst dann gefährlich, wenn man vermeint, das „Unverdauliche“ besitzen zu können. Dann, wenn man das Fragliche, das Fragwürdige des Reichtums verkennt und nicht versteht, beizeiten fruchtbar zu machen, was seinem Wesen nach flüchtig ist. Denn sonst wird der Mensch! zum Sklaven der unheilbaren Sorge.

Solche Gedanken erscheinen zunächst deplaciert in unserem geschäftstüchtigen Denken. Aber Kierkegaard ist kein Schwärmer. Er weiß um die Notwendigkeit weltlicher Geschäfte. Und gerade das macht – wenn dieses Wort bei ihm erlaubt wäre – den Reiz seiner Reden aus. Er versteht es meisterhaft, die Perspektive so himmelweit zu verfremden, daß aus der Distanz die alltäglichen Dinge erstaunlich genau geortet werden und gleichsam „zu sich selbst“ kommen. Rachus Spiecker